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27.01.2017 - Gedenken - BBS II-Schüler zeigen filmische Doku - siehe in: Gedenken 2017

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Letzte Änderung
June 16. 2017 17:26:19
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Gedenken 2015


Gedenkveranstaltung - „Pogromnacht 9./10. November 1938“

 

Familie Wolff, ca. 1937
„1932 sagte man zu meiner Mutter „Guten Tag, Gnädige Frau“;  am 31. Januar 1933: „Saujude“ (Josef Wolff)
 
 

Datum: 9.11.2015
Uhrzeit: 17:00 Uhr
Ort: Bollwerkstraße
Redner:
Dr.Rolf Uphoff, Max-Windmüller-Gesellschaft
Schülerinnen und Schüler der BBS I
Oberbürgermeister Bernd Bornemann

Anschließend: VHS-Forum, 18.00 Uhr
Wir lebten in Emden: Josef (Günter) Wolff: Flucht nach Palästina
Eine biographische Filmskizze von Siegfried Sommer und Gesine Janssen


Vorankündigung in der Presse:

Ostfriesenzeitung vom 5.11.2015                       Emder Zeitung vom 5.11.2015



SchülerInnen der BBS I während der Gedenkveranstaltung, Foto: Friedrich Doden

Foto: Friedrich Doden


Dr. Rolf Uphoff:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Bornemann, sehr geehrte Damen und Herren!

In der Nacht vom 9. zum 10.11. 1938 wurde hier in Emden und in vielen Orten im damaligen Deutschen Reich ein unerhörtes Verbrechen begangen, dem viele weitere folgen und an dessen Ende der Holocaust stehen sollte Als Hitler am 30. Januar 1933 die Regierungsverantwortung aus den Händen des Reichspräsidenten Hindenburg erhielt, gingen er und seine als „Bewegung“ bezeichnete Partei, die NSDAP, nicht nur konsequent daran, die Republik in einen totalitären Staat zu verwandeln; ein unter der Ägide von Göring und Himmler auf- und ausgebauter Polizeiapparat verfolgte auch politische Gegner und Personen, die sich nicht dem nationalsozialistischen Gesellschaftsbild unterwerfen wollten. Dazu wurde ein immer komplexer werdendes System von Konzentrationslager aufgebaut, das später zum Instrument des Holocausts werden sollte. In seinem Bekenntnisbuch hatte Hitler bereits 1925 die jüdische Minderheit als Todfeind Deutschlands definiert, der auszumerzen sei. Er hatte u.a. rassistische und sozialdarwinistische Thesen von Houston Steward Chamberlain, dem englischen Schwiegersohn Richard Wagners, und anderen Autoren des 19. Und frühen 20. Jahrhunderts aufgenommen.  Nach dem Regierungsantritt begannen die Nazis unverzüglich, die Grundsätze ihres Führers zur Verfolgung der jüdischen Minderheit umzusetzen. Es begann mit dem Verbot der Berufsausübung für jüdische Schlachter und im März 1933 folgte ein Boykott jüdischer Geschäfte als Reaktion auf einem Boykottaufruf von US-Verbänden gegen deutsche Produkte, der auf die Judenverfolgung der Nazis aufmerksam machen wollte. Im September 1935 verkündeten die NS-Machthaber am Rande des Nürnberger Parteitages die Rasse-Gesetze, welche der jüdischen Minderheit die deutsche Staatsbürgerschaft nahm und ihre Entrechtlichung vorantrieb. In der Folgezeit betrieb die NS-Regierung eine Arisierungspolitik, die nichts anderes als die Enteignung der Juden zum Ziel hatte. Sie diente auch der Finanzierung der forcierten Aufrüstung der deutschen Wehrmacht. Parallel dazu förderte die Reichsregierung die Auswanderung der Juden.Im Oktober 1938 ergänzte die Reichsführung die „Förderung“ durch das Instrument der Ausweisung. Polnischstämmige Juden mussten, - ob sie die Reichsbürgerschaft erworben hatten oder Ehepartner mit deutscher Staatsbürgerschaft hatten, war völlig unerheblich -, das Reichsgebiet innerhalb weniger Tage verlassen. Auch in Emden waren 21 Personen von der Ausweisung betroffen. Die Ausweisung seiner Eltern bewog Herschel Grynspan zum Attentat gegen den deutschen Gesandtschaftsrat vom Rath in Paris. Als am Rande des jährlichen Gedenkens des Hitlerputsches  von 1923 im Münchner Bürgerbraukeller den dort versammelten NS-Größen der Tod vom Raths mitgeteilt wurde, gab Goebbels das Signal zur sogenannten Reichspogromnacht. Kreisleiter Bernhard Horstmann gab vom Parteihaus der Emder Nazis am Neuen Markt aus gegen 21:30 Uhr das Startsignal für die Ereignisse der Pogromnacht in Emden, nachdem er von Weser-Ems Gauleiter Carl Röver ein Telefonat aus München erhalten hatte. Röver hatte an der Feier des Hitler-Putsches von 1923 im Münchner Bürgerbräukeller teilgenommen. Der Ablauf der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 lässt sich in drei Teile untergliedern: 1.Brandstiftung der Synagoge um 23.30 Uhr durch den Kreisleiter Bernhard Horstmann und dreier Helfer.2.Die sogenannte „Aufholung“ der jüdischen Bürger zum Schulhof der Neutorschule, Zerstörung der jüdischen Geschäfte und Wohnungen sowie deren Plünderung; Erniedrigung, und Misshandlung der zur Neutorschule Verschleppten. Nach dem Tenor der Prozessakten zur Pogromnacht wurden Aufholung und Drangsalierung der Opfer durch SA-Standartenführer Kroll und seinem Adjutanten Otto Bennmann organisiert.3.Ermordung des Schlachters Daniel de Beer. Die Umstände dieses Verbrechens konnten nie völlig geklärt werden. Die staatsanwaltlichen Ermittlungen nach 1945 ergaben, dass sich de Beer in die Polizeiwache am Delft geflüchtet hatte. Hier wurde er durch einen SA-Mann namens Johann Böhmer hinausgezerrt, ohne dass die Polizisten eingriffen. Die diensthabenden Beamten hörten kurze Zeit später einen Schuss und bargen den schwerverwundeten Daniel de Beer vor den Kanonen aus Friedrichsburg, die sich unmittelbar neben der Wache befanden. De Beer erlag seinen Verletzungen im Krankenhaus. Die Polizei schaute den Ausschreitungen der „Pogromnacht“ nicht nur passiv zu. Sie wirkte aktiv mit, indem sie den „Aufholern“ der SA Waffen aushändigte und den zunächst von ihr festgenommenen Leopold Cohen den SA-Leuten übergab. Sie sorgte für die Absperrung der Straße zur Neutorschule. Die Feuerwehr ließ die Synagoge niederbrennen und ergriff nur Maßnahmen zum Schutz der Nachbarhäuser.

Wir gedenken heute dieser Ereignisse der Pogromnacht.
Wir gedenken Daniel de Beer
Wir gedenken Sally Löwenstein, der mit den Männern der jüdischen Gemeinde am 10.11.1938 zum KZ Sachsenhausen gebracht wurde  und dort nach stundenlangem Stehen vor dem Tor zusammenbrach und verstarb.
Wir gedenken Hermann Sax, der die Entbehrungen und Misshandlungen in Sachsenhausen nicht überlebte.
Wir gedenken der übrigen Männer der jüdischen Gemeinde, die wie Walter Philipson, die Haft im KZ Sachsenhausen ertragen mussten und Grausamkeiten ausgesetzt waren, deren Schwere sie nicht beschreiben konnten, teils wegen ihrer Traumatisierung, teils weil Worte das Grauen und den Schmerz nicht fassen konnten.
Wir gedenken der Familien, der Alten, der Frauen und Kinder, die am 10.11.1938 vor ihren geplünderten Geschäften und Wohnungen standen, nachdem sie, aus ihren Wohnungen zur Turnhalle der Neutorschule getrieben, eine Nacht der Misshandlungen, Entwürdigungen und Drangsalierungen erduldet hatten. Sie galten nicht mehr als deutsche Staatsbürger. Viele schafften es nicht mehr, auszuwandern. Es begann ein Martyrium, das oft in den Vernichtungslagern endete.
Die im juristischen Sinne Verantwortlichen wurden nach 1945 nach langen Ermittlungen zu geringen Strafen verurteilt. Ihre Fälle sind ad acta gelegt, jedoch nicht der Mechanismus, der zur Pogromnacht und schließlich zum Holocaust führte. Die jüdische Minderheit in Deutschland wurde seit 1918 zum Sündenbock für die wirtschaftliche und politische Krise gemacht. Vor allem von den nationalistischen und völkischen Parteien wurde der Bevölkerung suggeriert, dass das Verschwinden der Juden alle Probleme lösen würde.
Mit Erschrecken können wir heute feststellen, dass dieser Mechanismus heute wieder funktioniert. Rechte Slogans sind erneut en Vogue geworden und werden oft zumindest gedankenlos verwendet. Wieder werden scheinbar einfache Lösungen als Heilmittel verkauft. Gegner werden erneut verhöhnt und mit Gewalt bedroht. Es sollten alle Alarmglocken läuten, wenn auf einem Massenaufmarsch Politiker symbolisch am Galgen baumeln.
Deswegen hat das Gedenken in diesem Jahr eine ungeahnte Aktualität. Es geht nicht um die Frage von Schuld, - sie kann nur aus dem Handeln der damals Involvierten definiert werden-, es geht darum, ob wir endlich praktische Lehren aus der Vergangenheit ziehen oder ob sich die unheilvollen Geister wieder erheben und neues Unheil verbreiten.

Ich übergebe das Mikrofon nun den Schülerinnen und Schülern der BBS I für ihren Beitrag. Danach beschließt Herr Oberbürgermeister Bornemann diese Kundgebung.


Presseberichte über die Gedenkveranstaltung:

Ostfriesenzeitung vom 10.11.2015                   Emder Zeitung vom 10.11.2015

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Vor 70 Jahren starb Max Windmüller



Am 21. April 1945, einen Tag vor der Befreiung durch amerikanische Truppen,
wurde Max Windmüller auf dem Todesmarsch vom KZ Flossenbürg zum KZ
Dachau erschossen. Er wollte sich kurz ausruhen und trat aus der Kolonne
der KZ-Häftlinge heraus. Ein SS-Mann aus der Wachmannschaft erschoss ihn
daraufhin. Max Windmüller, der Namensgeber unserer Gesellschaft, wurde nur
25 Jahre alt. Der in Emden Geborene rettete als Widerstandskämpfer ungefähr
100 Juden, die sich über Spanien in Sicherheit bringen konnten. Mitglieder
der Max-Windmüller-Gesellschaft und Emder Bürger gedachten des Freiheits-
kämpfers am Geburtsort Emden.

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