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27.01.2017 - Gedenken - BBS II-Schüler zeigen filmische Doku - siehe in: Gedenken 2017

Eine Reise nach Lodz Projekt mit BBS II Emden, www.emden-lodz.de

Stolpersteine auf der Homepage der Stadt Emden, www.emden.de                                 

Letzte Änderung
June 16. 2017 17:26:19
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Exkursionen 2012


Besuch in Osnabrück - 15.09.2012

Mitglieder der Max-Windmüller-Gesellschaft besuchten am 15.September 2012 die Stadt Osnabrück mit dem Ziel, die dortige Umsetzung der Stolpersteinaktion zu begutachten und das Felix-Nussbaum-Haus zu besuchen:

Das Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück beherbergt mehr als 200 Werke des Malers Felix Nussbaum (1904 in Osnabrück geboren), der im Jahr 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Das Museum, welches gestalterisch mit seiner modernen Formensprache in starkem Kontrast neben dem Kulturhistorischen Museum zu finden ist,  wurde von dem Architekten Daniel Libeskind entworfen und 1998 eröffnet. Die schon im Nussbaum-Haus zu erkennenden Gestaltungselemente finden sich in dem ebenfalls von Libeskind entworfenen „Jüdischen Museum“ in Berlin wieder. Libeskind bezeichnet das Nussbaum-Haus als „Museum ohne Ausgang“, was in der labyrinthartigen Konzeption mit toten Gängen und keilartigen Sackgassen für den Besucher zur bedrückenden Odyssee durch die Bilderwelt von Felix Nussbaum wird. Daniel Libeskind habe „das Leben und das Werk Felix Nussbaums verräumlicht“ führt die Jury zur Begründung in der Preisverleihung an.

Felix Nussbaum, Sohn des aus Emden stammenden Philipp Nussbaum, wuchs in Osnabrück auf, wo ihn der Vater in seiner künstlerischen Entwicklung nach Kräften förderte. In seinem Werk findet sich neben der Darstellung eines Urlaubs auf Norderney das Abbild einer Packhaussituation in Emden. In seiner Kindheit besuchte er häufig die Familie in der Hafenstadt. Der deutsch-jüdische Maler wurde mit seiner Frau Felka Platek von den Nationalsozialisten im langjährigen Exilland Belgien bei Freunden verhaftet.  Im Juni 1944 wurden sie nach der Denunziation mit dem letzten Transport von Brüssel nach Auschwitz in den Tod geschickt. Stilistisch ist seine gegenständliche Malerei der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. Es gibt kaum einen Künstler, der die Entrechtung der Juden und den Holocaust künstlerisch derart intensiv verarbeitet hat. In der bedrückenden Situation des sich vor den Häschern Versteckenden wird die Malerei offensichtlich zu einem Mittel der Verarbeitung dieser Lebenslage. Belgische Freunde konnten einen Großteil des Werkes über die Kriegsjahre retten.


Nach dem Besuch im Felix-Nussbaum-Haus begaben sich die Mitglieder der Max-Windmüller-Gesellschaft auf die Suche nach Stolpersteinen in Osnabrück. Die Umsetzung der Aktion durch den Künstler Demnig sollte hinsichtlich der am 15. Oktober 2012 in Emden angesetzten Verlegung der ersten Stolpersteine in Augenschein genommen werden. Stolpersteine finden sich in Osnabrück unter anderem in der Innenstadt am Kampweg 46 für Anna Schmidt (Jahrgang 1906), die Zwillingssöhne Berthold-Ferdinand und Karl-Heinz (Jahrgang 1935), sowie die Tochter Violetta Schmidt (Jahrgang 1942). Ferdinand Dusbaba (Jahrgang 1941), Anita Dusbaba (1942) und Heidelinde Dusbaba (Jahrgang 1943 – Geburtsort Auschwitz) wird mit drei weiteren Stolpersteinen gedacht. Alle wurden 1943 deportiert und bis 1944 in Auschwitz ermordet. Beim Betrachten der Steine stellen sich viele Fragen. Wer waren die Eltern Dusbaba? Was wurde aus ihnen? Unter welchen Umständen wurde Heidelinde in Auschwitz geboren? Auf der Homepage der Stadt Osnabrück ist für die Stolpersteinaktion eine eigene Seite eingerichtet worden (www.osnabrueck.de/stolpersteine), die allerdings nur bedingt Auskunft geben kann. Die Familie Dusbaba wohnte zur Untermiete bei Familie Schmidt/Weiß. In den 1930er Jahren war dem Paar Anna Schmidt und Johann Weiß zweimal aus „rassischen Gründen“ die standesamtliche Verehelichung verweigert worden. Als Sinti fielen sie unter das Nürnberger Rassegesetz. Johann Weiß scheint Auschwitz überlebt zu haben, denn die Aussagen auf der Homepage lassen darauf schließen, dass er nach dem Krieg Auskunft über das Schicksal seiner Familie gegeben hat.


Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück


Felix-Nussbaum-Haus mit benachbartem
Kulturgeschichtlichen Museum




Stolpersteine in Osnabrück




Stolpersteine am Kampweg 46 bei der Universitätsbibliothek Osnabrück




Zurück aus Lodz - 08.06.2012
Letzte Lebenszeichen von Sara Hartog, Lazarus Altgenug, Julius Goldschmidt und Aaron van der Walde!

Mit einer Fülle von Eindrücken und intensiv Erlebtem sind siebzehn Schüler der BBS II Emden zurückgekehrt aus Lodz in Polen. Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 11 und 12 des Beruflichen Gymnasiums der BBS II Emden waren zwischen dem 20. und 27. Mai 2012 in Polen auf der Suche nach Spuren der letzten Juden aus Ostfriesland, die im Oktober 1941 nach Lodz deportiert worden waren. In Kooperation mit der Max-Windmüller-Gesellschaft Emden haben die Schüler im Staatsarchiv Lodz ca. 11000 Postkarten gesichtet, welche von Bewohnern des Gettos geschrieben wurden. Keine diese Karten ist jemals abgeschickt worden – deutsche Dienststellen haben alle Nachrichten mit bürokratischer Gründlichkeit gesammelt und archiviert. Nach anfänglich vergeblichem Suchen fanden die Schüler fünf Postkarten aus dem Altersheim in der Gnesener Straße 26/Getto Litzmannstadt. Sara Hartog aus Aurich, Lazarus Altgenug aus Norden, Julius Goldschmidt und Aaron van der Walde aus Emden haben Anfang Januar 1942 nach ihrem Umzug in das Altersheim an Freunde und Familienmitglieder geschrieben. Sie alle berichten sehr wahrscheinlich mit bewusster Zurückhaltung, dass es ihnen gut gehe, sie sich bedanken für Geldzuwendungen und dass sie um weitere Anweisungen bitten. Unter unsäglichen Bedingungen mussten die betagten Emder in drangvoller Enge im Altersheim des jüdischen Gettos die letzten Monate vor der Ermordung am 12. Mai 1942 in Chelmno zubringen. Neben dem Bahnhof mit Gedenkstätte in Radegast, dem jüdischen Friedhof in Lodz und dem Getto in der Altstadt besuchten die Schüler den Vernichtungsort Chelmno. Sehr bedrückend waren die Schilderungen über den Ort des Todes. 

Neben den Eindrücken von den letzten Lebensstationen der ostfriesischen Juden im Getto Litzmannstadt  nahmen die Emder Schüler teil am Unterricht der Europäischen Schule Lodz (Szkoła Europejska Łódź ). Die Deutschlehrerinnen Agnieszka Swica und Katharina Rebak organisierten den Austausch mit den deutschen Schülern, die zur Hälfte bei Gasteltern untergebracht waren. Im Jahr 2013 werden die polnischen Schüler mit ihren beiden Lehrerinnen Emden besuchen. Neben der Erfahrung in der polnischen Schule standen eine Reihe von sportiven Veranstaltungen auf dem Plan, welche die Schüler intensiveren Kontakt finden ließen.

In Lodz  war im Vorfeld mit Frau Gaust vom städtischen „Centrum Dialogu“ eine umtriebige Ansprechpartnerin gefunden worden, die unter anderem den Kontakt zu der Oberschule „Szkoła Europejska“ hergestellt hat. Das „Centrum Dialogu“, welches sich einerseits um die Aufarbeitung der Geschichte des Ghettos von Litzmannstadt/Lodz bemüht, hat sich andererseits die Völkerverständigung auf die Fahnen geschrieben und ist an Kontakten zu Gruppen aus Deutschland interessiert.

Die Reise wurde gefördert durch die Stadt Emden und das Deutsch-Polnische Jugendwerk. Begleitet wurde die Gruppe von Hans Christian Bauer von der Stadtbibliothek Emden, der als Dolmetscher fungierte. Organisiert hat die Reise Dr.Rolf Uphoff als Vorsitzender der Max-Windmüller-Gesellschaft. Gero Conring begleitete seine Schüler als Geschichtslehrer.  Kurz vor der Fußball-EM in Polen und der Ukraine besuchte die BBS II Emden mit einem internationalen Team die Stadt Lodz: eine Niederländerin, zwei Vietnamesinnen, eine Thailänderin, ein Togolese, zwei Schülerinnen mit polnischen Eltern und zwei Schülerinnen mit russland-deutschen Wurzeln gehören neben sieben Ostfriesen zur „Mannschaft“ der BBS II Emden.



Schüler schildern ihre Eindrücke von der Reise nach Lodz:

Gesa Conring, 17 Jahre:

Archivarbeit: Nun haben sie unsere volle Aufmerksamkeit, die Toten. Nun lesen wir die Zeilen, die sie vor über fünfzig Jahren geschrieben haben, tief über einen wackeligen Tisch gebeugt oder mit krummen Rücken aufrecht im Bett sitzend. Scheinbar waren sie zufrieden und gesund. Kaum eine Spur von Hunger oder Angst. Aber ich weiß, dass es anders war. Dass der Hunger immer in den leeren Mägen der Ghettobewohner wühlte und die Angst sich zwischen jedem Wimpernaufschlag in ihren Augen widerspiegelte. Und ich weiß, dass keiner dieser Briefe jemals ihren Empfänger erreicht hat, denn keine der Postkarten hat einen Stempel. Herr Judkiericz hat niemals erfahren, dass seine kleine Tochter immer „Tata!“ sagte und das Bildchen des Vaters ihr liebstes Spielzeug war, wie seine Frau ihm einmal in das Arbeitslager Thürnberg schrieb. Auch hat Frau Begerkowska nie den Brief erhalten, in dem ihr Enkel Marek ihr schrieb, dass Mama ihm von dem geschickten Geld jeden Tag Fleisch kochte und es in der Wohnung warm war. 
Es war ein Mittel zur Beruhigung. Ein Narkotikum, eingeflößt in kleinen Dosen und mit großer Wirkung. 
Man durfte nach Hause schreiben. Man durfte Kontakt haben. Es ging voran. Es wurde besser. Es würde alles gut werden.
Doch dem war nicht so. Nichts würde gut werden. Nie wieder. Das Einzige, das außerhalb der Ghettomauern auf einen wartete, war der Tod.


Antje Zents, 17 Jahre: 

„Morgens waren wir im Archiv und waren auf der Suche nach Briefen von Emder Juden. Für mich war besonders ergreifend, Briefe von Menschen zu lesen, die kurz darauf gestorben sind. Aufgefallen ist mir, dass sehr viele Menschen in den Briefen immer wieder schrieben „Gott sei Dank“ in dem Zusammenhang, dass es der Familie gut gehe und das sie z.B. Arbeit hätten. Bei einigen Briefen war es schwierig, die Schrift zu lesen, trotzdem habe ich oft versucht, die Texte zu lesen. Nach langem Suchen fand ich endlich einen Brief eines Emder Juden - Aaron van der Walde. Das war ein Moment, in dem ich eine Gänsehaut bekam und mir klar wurde, wie wichtig es ist, was wir taten und das es wirklich Zeit wurde, diese Briefe zu entdecken.“

Malte Schoon, 21 Jahre:

„Am Montag wurden wir herzlich in der Skola Europejska empfangen. Wir lernten unsere Austauschpartner kennen und nahmen alle zusammen am Geschichts- und Ethikunterricht in Englisch teil. Am Nachmittag begann dann die erste Stadtführung, bei der wir die Wege der deportierten Juden verfolgt haben. Es ging vom Bahnhof Radegast zum jüdischen Friedhof und in das Litzmannstadt-Ghetto. Schon hier wurde klar, warum gerade wir als Emder gerade nach Lodz gefahren waren. Im Bahnhof fanden wir die ersten Transportlisten mit Juden aus Emden. Nach der Besichtigung des Bahnhofes und der Gedenkstätte gingen wir weiter zum jüdischen Friedhof in Lodz. Einem Ort, welcher den meisten wahrscheinlich seiner Idylle wegen im Gedächtnis bleiben wird. Aber die Idylle schwand, nachdem wir zu den Grabfeldern kamen, in denen die Toten des Ghettos beerdigt wurden. Hier gab es weder viele Bäume noch Grabsteine. Nur ein weites Felde und ein paar kleine Schilder, auf denen die Namen derjenigen standen, die man noch zuordnen konnte.“

Margarita Stumpf, 23 Jahre:

„Mehrere Listen von deportierten Juden waren an den Wänden des Tunnels in der Gedenkstätte Radegast ausgehängt. Als mir der Name Emden ins Auge fiel, war ich schon erschreckt, denn man weiß zwar, dass es diese schreckliche geschichtliche Phase gab und man kann es natürlich nicht verdrängen, aber man denkt sich das ganz weit weg. Dann steht da aber plötzlich der Name der Stadt, in der man jeden Tag sein Leben lebt. Viele Menschen aus der Heimat, die brutal ermordet worden sind, sind hierher deportiert worden. Aber auch die Namen in den Ordnern in dem Nebenhäuschen waren erschreckend anzusehen, Menschen die wie Gegenstände nummeriert worden sind, ohne jegliches Mitgefühl.“


Presse:
OZ vom 08.06.2012               EZ vom 08.06.2012


Gedenkstätte Radegast in Lodz


Deutsch-polnische Schülergruppe 
vor dem Staatsarchiv in Lodz




Gemeinsame Arbeit im Lesesaal





Postkarte von Julius Goldschmidt aus Emden vom 2.1.1942 an die Familie in 
Hamburg. Im Getto wohnte J.Goldschmidt in der Gnesener Straße 26 im Altenheim.




Hausnummer 26 in der Gnesener Straße - in der Zeit von 
1940-1944 befand sich  im Getto hier das Altenheim, in 
welchem die letzten Juden aus Ostfriesland lebten.




Boulevard Piotrkowska