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Letzte Änderung
February 18. 2017 11:05:48
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2015 Gesine Janssen


Das Leben des jüdischen Arztes Dr. Julian Kretschmer
Erster Spezialist für Magen-Darm-Krankheiten in Ostfriesland

Ein Vortrag aus biografischer Sicht von Gesine Janssen,
gehalten am 3. März 2015 im Rummel, Ostfriesisches Landesmuseum Emden.


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Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst herzlichen Dank an Nina Stifter und Steffen Tammen, die diesen Vortrag mit ihrer Power Point Präsentation begleiten werden.

Am 30. Januar1933  ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Julian Kretschmer schreibt dazu in seiner Biografie: „Die Juden hatten ein feineres Ohr für das jetzt beginnenden Spiel“ – Dies war der Beginn der dunkelsten Periode der deutschen Geschichte.

Foto 1 - Titelblatt  Rhein-Ems-Zeitung vom 31.01.1933 


Nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar waren die Grundrechte außer Kraft gesetzt und die Strukturen der KPD praktisch zerschlagen worden.

Das heutige Datum erinnert an den 5. März 1933. Die Wahl zum achten Deutschen Reichstag war die letzte Wahl, an der mehr als eine Partei teilnahm. Der Wahlkampf war von Übergriffen der NSDAP auf politische Gegner, insbesondere von KPD und SPD, geprägt. In Emden war es immer wieder zu Saal- und Straßenschlachten zwischen Anhängern der KPD und NSDAP gekommen. Der Anteil der NSDAP Stimmen lag in Emden bei 37,8 %, der SPD bei 20,2% und der KPD bei 18,7%. SPD und KPD hatten immerhin zusammen noch etwa den gleichen Stimmenanteil wie die NSDAP.

Bei den nachfolgenden Kommunalwahlen am 12. März 1933 musste sich die NSDAP mit deutlich weniger Stimmen bescheiden. Dennoch gewann sie mit 13 Sitzen im Bürgervorsteherkollegium genauso viele Sitze wie SPD (7) und KPD (6) zusammen.


Foto 2 - Dr. Kretschmer


Die Einzelfallstudie Dr. Kretschmer                 

Auf der Grundlage eines autobiografischen Manuskriptes von Dr. Kretschmer erhielt ich einen Forschungsauftrag der Universität Oldenburg. Dazu sollte das Lebensumwelt von Julian Kretschmer analysiert und durch weitergehende Recherchen erforscht werden, auffindbare Dokumente analysiert und Zeitzeugen befragt werden, die den Arzt gekannt hatten.

Die Entstehung der Autobiografie geht auf ein wissenschaftliches Preisausschreiben der Universität Havard zurück. Im Jahr 1939 forderten drei Wissenschaftler Emigrantinnen und Emigranten auf, ihre Biografie zu schreiben unter dem Thema „Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933“. Die Lebensbeschreibungen sollten einfach, unmittelbar, vollständig und anschaulich gehalten sein. Als Preisgeld für die besten Autobiografien wurden 1.ooo $ zur Verfügung gestellt. Die Wissenschaftler erwarteten von den Autoren keine philosophischen oder literarischen Abhandlungen, sondern einen Bericht persönlicher Erlebnisse. Anhand dieses Materials wollten sie eine Untersuchung über die gesellschaftlichen und seelischen Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die deutsche Gesellschaft und das deutsche Volk durchführen.



Foto 3 - Preisausschreiben  


Es wurden ca. 260 Manuskripte eingereicht, überwiegend von Emigranten aus den USA, aber auch aus Palästina, England, Frankreich, der Schweiz, Shanghai, Südamerika und Australien. Die Einmaligkeit des vorhandenen Materials besteht darin, dass die Biografien zu einem Zeitpunkt geschrieben wurden, als niemand ahnen konnte, dass es zu einem Holocaust kommen würde. Im heute sich vollziehenden Übergang von der Zeitzeugenkultur zur Erinnerungskultur besitzen diese Dokumente daher einen besonderen Wert. Die eigene Geschichte aufzuschreiben, das eigene Leben festzuhalten, es anderen mitzuteilen, all dies hat für den Menschen eine Bedeutung. Autobiografien sind mit der Menschheitsgeschichte verknüpft und spiegeln sie wieder. Diese für die Forschung zu nutzen, hat ebenfalls eine Geschichte. Das Individuelle, das Besondere des Einzelfalles findet zunehmend Berücksichtigung, da sie nicht nur das individuelle Leben abbilden, sondern auch die soziale Existenz des Subjektes und den historischen Kontext.  Dr. Julian Kretschmer, der von 1919 bis 1938 in Emden als anerkannter Facharzt praktizierte, wurde trotz akademischer Bildung und Vermögen in Emden als Jude nicht den Foto „Honoratioren“ zugerechnet – ein Schmerz, der ihn  prägte. Seine Biografie zeigt den Lebensplan und Lebensbruch eines Menschen mit jüdischen Wurzeln, dessen wichtigste Ziele Bildung und völlige Integration in die deutsche Gesellschaft lauteten. Sie zeigt aber auch die Zerstörung dieses Lebensplans durch den Nationalsozialismus und die qualvollen Versuche, in Palästina ein neues Leben aufzubauen. Ein Mensch, der sich Zeit seines Lebens mit der Frage nach einer Taufe auseinandersetzte, der Antisemitismus in seiner Biografie an vielen Stellen negiert, -ein Mensch, der sich moralisch verpflichtet fühlte, sich 1914 freiwillig zu melden und bis Ende des Krieges als Arzt an der Front seinen Dienst versah, der  nach vier Jahren Krieg nicht an seine Karriere in Berlin anknüpfen konnte und in die Provinz nach Emden zog und dort nach Ausbruch der politischen Unruhen Ende 1918  der Emder Bürgerwehr beitrat.    

                                     



Foto 4 - Behandlungsbogen von Dr. Kretschmer



Es wurden ca. 260 Manuskripte eingereicht, überwiegend von Emigranten aus den USA, aber auch aus Palästina, England, Frankreich, der Schweiz, Shanghai, Südamerika und Australien. Die Einmaligkeit des vorhandenen Materials besteht darin, dass die Biografien zu einem Zeitpunkt geschrieben wurden, als niemand ahnen konnte, dass es zu einem Holocaust kommen würde. Im heute sich vollziehenden Übergang von der Zeitzeugenkultur zur Erinnerungskultur besitzen diese Dokumente einen besonderen Wert.

Die eigene Geschichte aufzuschreiben, das eigene Leben festzuhalten, es anderen mitzuteilen, all dies hat für den Menschen eine Bedeutung. Autobiografien sind mit der Menschheitsgeschichte verknüpft und spiegeln sie wieder. Diese für die Forschung zu nutzen, hat ebenfalls eine Geschichte. Das Individuelle, das Besondere des Einzelfalles findet zunehmend Berücksichtigung, da sie nicht nur das individuelle Leben abbilden, sondern auch die soziale Existenz des Subjektes und den historischen Kontext.

Dr. Julian Kretschmer, der von 1919 bis 1938 in Emden als anerkannter jüdischer Facharzt praktizierte, wurde trotz akademischer Bildung und Vermögen in Emden nicht den „Honoratioren“ , wie er sie nennt, zugerechnet – ein Schmerz, der ihn  prägte. Seine Biografie zeigt den Lebensplan und Lebensbruch eines Menschen, dessen wichtigste Ziele Bildung und völlige Integration in die deutsche Gesellschaft lauteten. Sie zeigt auch die Zerstörung dieses Lebensplans durch den Nationalsozialismus und die qualvollen Versuche, in Palästina ein neues Leben aufzubauen. Ein Mensch, der sich Zeit seines Lebens mit der Frage nach einer Taufe auseinandersetzte, der Antisemitismus in seiner Biografie an vielen Stellen negiert, -ein Mensch, der sich 1914 moralisch verpflichtet fühlte, sich freiwillig zu melden und bis Ende des Krieges als Arzt an der Front seinen Dienst versah, der nach vier Jahren Krieg nicht an seine Karriere in Berlin anknüpfen konnte, in die Provinz zog und dort nach Ausbruch der politischen Unruhen Ende 1918  der Emder Bürgerwehr beitrat.

Zurück zum Manuskript: Julian Kretschmer reichte 83 engzeilig beschriebene Seiten ein. Manche Aspekte werden ausführlich behandelt, vor allem im Vergleich auf die Beschreibung „geglückter Taufen“. Andere Punkte, die eher privaten Charakter haben, behandelt er nur knapp. Zum Beispiel: „Im Jahre 1913 heiratete ich, Mai 1914 wurde unsere Tochter Ruth geboren“.

Das Hauptgewicht der Darstellungen liegt auf dem Beruf und seiner Rolle als Staatsbürger. Für die Schilderung der Pogromnacht und der zwei folgenden Tage verwendet der Autor leidglich eine Seite im Manuskript. Er scheint bemüht, die Vorgänge nicht in der tatsächlichen Schärfe zu beschreiben. Vermutlich war es ihm 15 Monate nach den Ereignissen immer noch nicht möglich, die brutalen Übergriffe auf seine Familie zu beschreiben. Die Schikanen, denen er im Konzentrationslager Sachsenhausen ausgesetzt war, verschweigt er im Manuskript völlig.  Im Jahre 1946 wurde vor dem Landgericht Aurich Anklage gegen die Täter der Pogromnacht erhoben und Elsbeth und Julian Kretschmer als Zeugen benannt. Da eine Anreise aus Palästina nicht möglich war, verfasste Dr. Kretschmer eine eidesstattliche Aussage über die Vorgänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.

                                                                                                                                 

Foto 5 - Frau Wöltjen


Bis heute habe ich keine Erklärung dafür gefunden, warum Dr. Kretschmer in seinen ausführlichen Beschreibungen über die Emder Bevölkerung, seine Kollegen und Patienten, die Namen dieser Menschen nennt, die die Professoren kaum interessiert haben können. An kleine Geschichten, Details und Zuschreibungen erinnert er sich, schreibt sie nieder –, benennt sie, - als könne er wissen, dass jemand später in Emden seinen Text  liest.

Für die Recherche waren die Namen ein guter Ansatzpunkt. Sehr wichtig wurden die Zeitzeugen- Interviews, die ich nach verschiedenen Artikeln in der Emder Zeitung und in Israel führen konnte. Ich erinnere mich an den ersten Anruf früh morgens, an dem der erste Artikel erschien: „Dieser Mann hat mir das Leben gerettet“ – so, Frau Wöltjen.


Foto 6 - Familie Kretschmer in Breslau


Familie, Schule und Studium:                     

Julian Kretschmer wurde am 15. Sept. 1881 geboren. Die Familie stammte aus Beuthen – einem Grenzort zu Polen/Galizien. Der Vater nahm 1866 am Krieg Deutschland-Österreich teil und war begeisterter Anhänger des preußischen Heeres. Als Patriot besuchte er mit seinem Sohn regelmäßig die Kaiserparaden in Breslau.  Seine Eltern heirateten 1869 und zogen nach Leobschütz – also schon ein Stück gen Westen, und  eröffneten dort  ein kleines Strickerei-Unternehmen, das Ende der 70er Jahre aufgrund der Depression schließen musste. Der ökonomische Aufstieg war gescheitert. Die Hoffnung, durch Bildung völlige Integration in die deutsche Gesellschaft zu erlangen, prägte fortan das Familienleben.

Es folgte der Umzug nach Breslau, wo Julian Kretschmer das Abitur ablegte und Medizin studierte.  Wir finden keine Hinweise auf jüdische Erziehung. Man war bemüht sich anzupassen, ohne sich vom Judentum loszusagen. Obwohl am Gymnasium auch antisemitische  Lehrer unterrichteten, deutet Julian Kretschmer deren Verhalten nicht als Antisemitismus. Ein Verhaltensmuster, das sich kontinuierlich finden lässt. Erzählungen über „geglückte Taufen“ und nachfolgendem Aufstieg zeigen deutlich, wie wichtig dies für Juden im Hinblick auf eine berufliche Karriere war.

Die Taufe als Eintrittsbillett, wie Heine sie nannte, thematisierte Julian Kretschmer Zeit seines Lebens. Ein Bruder seines Vaters ließ sich taufen, ebenso Kommilitonen und entfernte Verwandte. Selbst in Ostfriesland ließ  er sich mit der Fürstin von Bismarck aus Lütetsburg auf Diskussionen über Christentum und Taufe ein, ebenso mit Frau Blesene aus Aurich, mit der er eine fast freundschaftliche Verbindung pflegte. Zu seinen Gesprächspartnern gehörte auch Pastor Möhlmann, ein überzeugter Missionar und Gegner des Nationalsozialismus, der in Emden aufgrund seiner Predigten sehr geschätzt wurde. In einer seiner Predigten sprach er sich sogar für den Schutz der Juden aus, so Julian Kretschmer.

[Eine kleine Anekdote: Als Pastor Möhlmann 1933 eine Beerdigung abhalten musste, schickte die Trauerfamilie ihm ein Taxi mit einer Hakenkreuzfahne. Pastor Möhlmann weigerte sich einzusteigen, - erst musste die Fahne entfernt werden.]

Die jüngste Schwester Elisabeth, 1875 geboren, schlug für Frauen dieser Zeit einen ungewöhnlichen Lebensweg ein. Nach dem Besuch der Höheren Mädchenschule absolvierte sie das zweijährige Lehrerinnenseminar. 1898 schrieb sie sich für fünf Semester als Gasthörerin für Philosophie an der Universität Breslau ein, immatrikulierte sich für ein Semester in Zürich und wurde 1902 in Heidelberg promoviert. [Zum Vergleich:  Hermine Heusler Edenhuizen aus Pewsum legte 1903 das Examen als erste deutsche Frauenärztin ab).


Foto 7 - als Student


Als Student stellte Julian Kretschmer er Verwunderung fest, dass die Studentenverbindungen faktisch alle  einen Ausschluss jüdischer Studenten festlegten. Notgedrungen schließt er sich dem Verein Jüdischer Studenten an. „Die Judenfrage“, verbunden mit der Tauf-Frage wird sein Lebensthema. Politisch betätigt er sich nicht, drückt aber aus: „Übrigens waren wir alle –Juden und Deutsche- uns, wenigstens in Breslau, in der Verurteilung der Socialdemokratie einig.“

Seine Praktikantenzeit  verbrachte Kretschmer in wechselnden Orten in Hinterpommern und in der Provinz Posen und beschreibt ausführlich die sozialpolitischen Verhältnisse dort.


Foto 8 - Prof. Albu und Kollegen 


Als Student stellte Julian Kretschmer er Verwunderung fest, dass die Studentenverbindungen faktisch alle  einen Ausschluss jüdischer Studenten festlegten. Notgedrungen schließt er sich dem Verein Jüdischer Studenten an. „Die Judenfrage“, verbunden mit der Tauf-Frage wird sein Lebensthema. Politisch betätigt er sich nicht, drückt aber aus: „Übrigens waren wir alle –Juden und Deutsche- uns, wenigstens in Breslau, in der Verurteilung der Socialdemokratie einig.“

Seine Praktikantenzeit  verbrachte Kretschmer in wechselnden Orten in Hinterpommern und in der Provinz Posen und beschreibt ausführlich die sozialpolitischen Verhältnisse dort.

Besonders gute Ausbildungsmöglichkeiten sah Julian Kretschmer in Berlin, wo er nach der Promotion seine Facharztausbildung für Magen, Darm- und Stoffwechselkrankheiten bei Prof. Albu absolvierte.

Julian Kretschmer erhielt bald  einen umfangreichen Sonderauftrag der Berliner Medizinischen Gesellschaft, belegte Im Institut der Charite` einen zusätzlichen Arbeitsplatz für wissenschaftliche  Studien und wurde damit beauftragt, an der Klinik von Prof. Albu  ein Röntgeninstitut aufzubauen. Einige Zeit vor dem Krieg begann er, sich eine eigene kleine Praxis als Facharzt aufzubauen. Auch für diese Zeit beschreibt Dr. Kretschmer ausführlich „geglückte Taufen“ und der damit verbundenen Karrieremöglichkeiten.
 
          

Foto 9 - Hochzeit 


Im Jahre 1913 heiratete Julian Kretschmer Elsbeth Valk,  Tochter des wohlhabenden Kaufhausbesitzers Jacob Valk, im Mai des darauf folgenden Jahres wurde die Tochter Ruth geboren.  Die Trauung wurde in Emden auf dem Standesamt vollzogen.                                         

Es wird deutlich, dass Julian Kretschmer als Bildungsaufsteiger auf eine Familie traf, die sich dem ökonomischen Aufstieg verschrieben hatte und die Tochter gewissermaßen einem aus dem deutschen Osten kommenden Mediziner und Bildungsbürger anvertraute.

Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen an das Kaufhaus Valk Zwischen beiden Sielen -  das einzige Kaufhaus in Ostfriesland und weit über Emden hinaus bekannt. Anhand der Dokumente wird erkennbar, dass die Familien Valk seit Generationen als Kaufleute ansässig waren. Sie hatten sich aus kleinen Verhältnissen zu wohlhabenden Bürgern hochgearbeitet und viel Haus- und Grundbesitz erwerben können.



Foto 10 - Waarenhaus Valk


Jacob Moses Valk gründete 1824 in Emden eine Bettfedernhandlung in der Neutorstraße. Später erweiterte er sein Geschäft  zu einem Warenhaus und kaufte um 1890 ein Geschäftshaus Zwischen Beiden Sielen. 1909 später sollte auch dieses zu klein werden und an dieser Stelle ein imposantes Kaufhaus erbaut werden. Angelehnt an die Kaufhausbauten in den Großstädten war ein beeindruckendes Bauwerk im Jugendstil entstanden – mit rückwärtiger Front zum Stadtgarten.


   

Foto 11 - Dr. Kretschmer im Ersten Weltkrieg


1914-1918: Der Erste Weltkrieg

Dr. Kretschmer meldete sich zu Beginn Ersten Weltkrieg freiwillig,  so wie mehr als 30 Männer der jüdischen Gemeinde Emden. Jüdische Organisationen veröffentlichen „Wir werden heute als deutsche Bürger freudig alle Forderungen an Hab und Gut, an Leben und Blut erfüllen“. Die Ereignisse der vier Kriegsjahre werden von Kretschmer als eine relativ „harmlose Episode“ erzählt, gespickt mit Erlebnissen in einem fremden Land, „in dem man manchmal auch schwere Kämpfe mit machte“. Kampfhandlungen mit Schwerverwundeten und Toten bleiben in seiner Schilderung ausgespart. Unter dem Gesichtspunkt der Grausamkeit des Ersten Weltkrieges und  der vielen Toten durch Giftgas ist es kaum verständlich, dass der Biograf über sechs Seiten seine Einsatzorte wie St. Quentin oder Verdun als kurze Episoden beschreibt. Viel mehr Wert legt er auf die Beschreibung des Verhaltens gegenüber Juden:  Vorliebe für Juden, kein Antisemitismus, ja sogar Gleichstellung jüdischer und christlicher Soldaten. Die Harmonisierung zwischenmenschlicher Beziehungen, das Verdrängen negativer Erlebnisse und die Nichterwähnung der grauenvollen Ereignisse des Ersten Weltkrieges, werfen ein subjektiv bestimmtes Bild auf den verheerenden Krieg, - für uns kaum nachvollziehbar.

Nach vier Jahren an der Front erreichte der Arzt am 22. Nov. 1918 Emden. Eine kleine Episode sei hier erlaubt: Karl Valk, der Schwager von Dr. Kretschmer, erkrankte auf dem Heimmarsch und erlag der schweren Grippe. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof mit militärischen Ehren beigesetzt. Die Militär- Kapelle spielte „Jesus meine Zuversicht“, -„was aber niemanden, auch nicht den orthodoxen Rabbiner, störte“. [Der Grabstein ist noch vorhanden]

[Nach dem Ende des Krieges organisierten sich die Kriegsteilnehmer im Verein Jüdischer Frontsoldaten. 12.000 jüdische Soldaten waren gefallen, 30.000 wurden ausgezeichnet. Das Eiserne Kreuz schien ihnen „Versicherung“ zu sein: Ihnen konnte nichts passieren.  Groteskerweise wurde ausgewanderten Soldaten 1935 nach Palästina das Eiserne Kreuz im Namen des Reichsführers per Post geschickt. 45 Soldaten der Gemeinde Emden zogen in den Krieg, zwölf sind gefallen, 19 Soldaten erhielten das Frontehrenkreuz.]

                                               

Foto 12 - Elsbeth Kretschmer mit Tochter Ruth 1915
                                                               


Foto 13 - Ruth Kretschmer, 3 Jahre alt                     


Elsbeth Kretschmer, aufgewachsen in einer großbürgerlichen Familie, verbrachte die Zeit des Krieges bei ihren Eltern. Julian Kretschmer konnte nicht an seiner Karriere in Berlin anknüpfen. Mit der Entscheidung, nach Emden zu gehen, vollzog sich in seinem Leben ein entscheidender Bruch. Seine Karriere war wie geplant verlaufen, dann allerdings durch die Kriegsjahre unterbrochen. Nun erwies sich sein wissenschaftliches ‚Aufstiegsprojekt‘ als nicht fortsetzungsfähig und verlangte einen Neubeginn.


                                                                    

Foto 14 – Anzeige zur Eröffnung der Praxis, Januar 1919


Das notwendige Kapital für eine Praxiseröffnung in Emden „lag auf der Hand“, sodass die Facharztpraxis im Januar 1919 in der Ringstraße eröffnet werden konnte. Bald darauf erfolgte der Wechsel. Im Haus der Emder Verkehrsgesellschaft lagen im Erdgeschoss die Praxisräume, im zweiten und dritten Stock bezogen Kretschmers eine herrschaftliche Wohnung. Privilegierte Mieter wohnten in diesem Haus, so z.B. auch der OB Mützelburg.



Foto 15 - Synagoge

Die jüdische Gemeinde  zählte ca. 700 Mitglieder. In derStadt mit knapp 25.000  Einwohnern praktizierten elf christliche Ärzte und zwei jüdische: Dr. Sternberg und Dr. Goldschmidt. Einschub??
 In Emden finden wir eine lange jüdische Ärztetradition. Sie begann etwa 1740 mit Dr. Eleazar van Emden aus Amsterdam,  der zur jüdischen Oberschicht gehörte. Einige Jahre später siedelte sich Dr. van Gelderen an. Ihm folgten die Söhne von Dr. Eleazar van Emden und Dr. Hartog Lemon, der ebenfalls aus den Niederlanden kam und von 1780-1788 hier praktizierte, bevor er in  Amsterdam als Armenarzt für die die aschkenasische Duits-Joodse Gemeende fungierte. Er wurde einer der bedeutendsten Führer der vom französischen Jakobinismus  inspirierten demokratischen Partei und mit Hermann Bromet als erste jüdische Abgeordnete gewählt. Es folgten eine Reihe bekannter Namen wie Neumark, Leers und Norden.                
Eine der ersten Kinderärztinnen praktizierte zwar nicht in Emden, aber ihr emanzipatorischer Bildungsweg ist Grund genug, ihrer zu gedenken. Käthe Neumark, wohnte im Valckhof in an der Ecke Neutorstraße-Osterstraße. Sie  besuchte in Emden die Höhere Töchterschule, die sie dann verlassen musste, um die kranken Eltern pflegen zu können. Nach dem Tod des Vaters 1897 ging sie nach Frankfurt,  absolvierte 1903 das Abitur, legte in München das medizinische Staatsexamen ab, wurde 1910 als  Kinderärztin promoviert. Im Ersten Weltkrieg diente sie Sanitätsoffizierin, publizierte und war Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. 1934 wurde ihr die Kassenzulassung entzogen. In den Niederlande eröffnete sie eine Kinderpension,- in der auch Anne und Margot Frank ihre Ferien verbrachten. 1939 wurde Käthe Neumark tot aufgefunden.   


Foto 16 - ETV

                   
Zurück zu Dr. Kretschmer:
Einen Tag nach den Wahlen zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung eröffnete Dr. Kretschmer in Emden seine Praxis für Magen-, Darm-, Blut- und Stoffwechselkrankheiten – ein  Neubeginn, der sich als wichtigste Lebensphase in beruflicher, persönlicher, sozialer und ökonomischer Sicht erweisen sollte. Fernab von den Berliner Universitätskliniken, Forschungsinstituten und medizinischen Einrichtungen bot die Hafenstadt Dr. Kretschmer eine völlig andere Perspektive. Um es vorwegzunehmen: In den folgenden Jahren vollzog sich der berufliche Aufstieg von einem unbekannten, von vielen Kollegen als Eindringling betrachteten jüdischen Arzt aus dem Osten Deutschlands, zu einem von den Kollegen anerkannten und bei den Patienten beliebten, ja verehrten Facharzt.
Politisch und kulturell ordnete sich Julian Kretschmer schnell in das Leben der Stadt ein und engagierte sich in verschiedensten Bereichen, - fand aber keinen gesellschaftlichen Zugang. Seinen Antrittsbesuch bei allen Ärzten erwiderte niemand. Sie gaben ihm zu verstehen, dass seine Anwesenheit überflüssig sei, vermutlich eine Mischung aus Neid, Skepsis und Konkurrenzangst. Nur Dr. Bakker, der eine chirurgische Klinik am Delft führte,  und der Frauenarzt Dr. Hoppe zeigten sich ihm gegenüber aufgeschlossen. In späteren Jahren bat  Dr. Bakker den Kollegen häufig um Mithilfe bei schwierigen Operationen.

[Am Tage der Praxiseröffnung, versammelten sich vor dem Rathaus etwa 600 Arbeiter. Die Teilnehmer demonstrierten gegen die Verhaftung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, befassten sich aber stärker mit lokalen Missständen. Am 29. April 1919 wurden mit einem Appell in der Emder Zeitung alle waffenfähigen Einwohner der Stadt aufgerufen, sich für die Einwohnerwehr zu melden. Den Aufrufen folgten auch zahlreiche Emder Juden.]


Foto 17 – Rabbiner Blum


Eine kurze Skizzierung des Engagements von Dr. Kretschmer:          
- 1919 trat er trat der Emder Bürgerwehr 1919
- Mit dem Rabbiner Dr. Blum reorganisierte Kretschmer den Zionistischen Ortsverein und förderte junge Juden die planten, nach Palästina auszuwandern

- In der Naturforschenden Gesellschaft in Emden wurde er bald vortragendes Ehrenmitglied, entschied sich aber gegen den Eintritt in den „Club zum guten Endzweck“. Er wusste, dass die jüdischen Mitglieder Dr. Sternberg, Dr. Goldschmidt, Gebrüder Koppel und Philippstein z.B. stets unter sich Karten spielten und glaubte mit „Zurückhaltung besser zu fahren“.
- Dr. Kretschmer trat dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten bei, wurde zweiter Vorsitzender der „Bezirksgruppe heimattreuer Oberschlesier in Emden“ und organisierte und begleitete den Zug zur Abstimmung in Oberschlesien
- Er war Elternvertreter in der Jüdischen Schule, später auch für das Lyzeum und Vertreter für den Gesamtelternrat bei der Stadt
[Gern ließ  Dr. Kretschmer sich davon überzeugen, dass ein Jüdischer Sportverein überflüssig sei und alle Juden im ETV turnen könnten. Nach dem 1. April 1933 teilte man ihm lediglich mit, dass er seine Sportsachen abholen könne.]
- Dr. Kretschmer wurde Mitglied im ADAC


Foto 18 – Familie Kretschmer im Auto

              
        und in der Dtsch Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
-  Im Ärzteverein übernahm er Ehrenposten in der Leitung, besonders im Rechnungs- und Finanzwesen.
-  1935 gründete Dr. Kretschmer die Jüdische Winterhilfe und stellte persönlich einen hohen Betrag als Darlehen zur Verfügung.
[Bereits 1931 verdächtigte ihn ein Kollege, die Abrechnungen nicht ordnungsgemäß zu führen und Beträge für sich zu verbuchen. „Diesen albernen Verdacht konnte ich widerlegen, aber es war charakteristisch, dass auch dieses Mal keiner der Collegen das Wort für mich ergriff und auf das heimtückische und sinnlose des Angriffs hinwies“. ]
Demgegenüber schildert Dr. Kretschmer das mutige Handeln von Dr. Brunzema, der noch 1938 Patienten im jüdischen Altenheim besuchte, wie auch Zahnarzt Dr. Voget, der jüdische Patienten abends oder nachts behandelte.


Foto 19 - Elsbeth, Julian und Ruth Kretschmer


Im Manuskript finden sich genaue Beschreibungen der politischen und gesellschaftlichen Situation in der Stadt, die wesentlich geprägt war durch die Werften mit ihren Arbeitern und dem Hafen, - so auch die Vorgänge um OB Mützelburg.
„Dass auch in weiten bürgerlichen Kreisen, ganz abgesehen von den Kommunisten, Missvergnügen mit der republikanischen und demokratischen Reichsverfassung bestand, ist verschiedentlich schon erwähnt worden. Die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold, die in früheren Jahren als Symbol der Freiheit galten….. wurden, und zwar seit 1928/29 in steigendem Maße mit Verachtung als die Farben der „Judenrepublik“ genannt oder lediglich als die Farben des republikanischen Wehrbundes „Reichsbanner“ angesehen“.
Im Übrigen konnte Dr. Kretschmer feststellen, dass ein großer Teil der Kollegen konservativer Gesinnung war und häufig Konflikte mit der Ortskrankenkasse hatte. „Es schien bei manchen Kollegen eine Abneigung gegen die sozialdemokratische Leitung der Ortskrankenkasse vorzuliegen, die in den Sitzungen des Ärztevereins in mehr oder weniger derber, manchmal sogar „blutrünstiger Weise“ zum Ausdruck kam, zum Beispiel wurde immer gern von „Aufhängen“ gesprochen“.
 „Meine berufliche Stellung war 1930 auf einem Höhepunkt angelangt“, so Dr. Kretschmer. Er konnte sich ein Auto kaufen, auswärtige Patienten besuchen und Spazierfahrten durch Ostfriesland unternehmen.   


Foto 20 – Führerschein
           

Die Ergebnisse der Reichstagswahl im September versetzten die Emder Juden in Unruhe. Die NSDAP konnte ihren Stimmenanteil von 2,3% auf 23,3% steigern, fast gleich mit der SPD.
Sowohl die Aussagen über den Wahlausgang als auch die Entwicklung der beruflichen Stellung stehen in Spannung zueinander und verdeutlichen die Gleichzeitigkeit des Beginns der politischen Krise und des beruflichen Höhepunktes.
Im Jahre 1931 schaffte sich der Arzt noch ein Röntgengerät an in der Hoffnung, dass sich damit die Anzahl der Patienten erhöhen würde. Infolge der Nazipropaganda ging seine Praxis jedoch schlagartig zurück. Neue Patienten kamen nicht, andere blieben weg und Kollegen überwiesen ihm weniger Patienten, - vielleicht auch, weil sich ein Internist niedergelassen hatte, dem trotz dessen Morphium- und Alkoholsucht Patienten überwiesen wurden.
Vor der Neuwahl des Elternrates sagte man ihm offen, „dass die Mitgliedschaft eines Juden nicht mehr erforderlich sei“.

1933: Adolf Hitler hatte die Macht an sich gerissen.  „Das feinere Ohr der Juden“, so Julian Kretschmer, hörte die Anzeichen eines Pogroms.
Er verfolgte und reflektierte die politischen Ereignisse, ging zu Versammlungen der demokratischen Parteien und diskutierte weiterhin die Möglichkeiten einer Emigration. Den Vorschlag zur Kandidatur als Bürgervorsteher für die Wahl lehnte er ab.
Nur eine Woche nach der Machtübernahme holte Dr. Kretschmer einen Redakteur der Jüdischen Rundschau nach Emden für einen Vortrag in der Zionistischen Ortsgruppe.
Eine Auswanderung nach Palästina, die vorher den meisten Emder Juden als abwegig erschien, fand großes Interesse. Die Mitgliederzahl erhöhte sich schlagartig von 18 auf 60.

Für den 1. April 1933 war von der NSDAP ein Boykott aller jüdischen Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte angeordnet worden. In Emden kam es schon am 27. März zu Ansammlungen vor größeren Geschäften, besonders vor dem Kaufhaus Valk.



Foto 21 – Kaufhaus Valk – Zwischen beiden Sielen


In der Nacht zum 28. März wurden in der Stadt planmäßig etwa zur gleichen Zeit Schaufenster der jüdischen Geschäfte eingeschlagen. Während des Tages begab sich eine Abteilung der SA zum Emder Schlachthof und beschlagnahmte sämtliche Schächtmesser. Danach zog die Horde zu Rabbiner Blum, um dort eine Hausdurchsuchung durchzuführen und Schächtmesser und Stempel zu entwenden. Es fällt auf, dass in Emden bereits fünf Tage vor dem offiziell angesetzten Boykott in und vor jüdischen Geschäften randaliert  und zerstört wurde.
Am 1. April bezog ein SA-Posten Stellung vor der Praxis Kretschmer und verhinderte, dass Patienten in die Praxis gelangten. Einige Tage später entzogen die Nazis allen jüdischen Kassenärzten die Zulassung – ausgenommen waren Kriegsteilnehmer. Betroffen waren mehr als 400 Ärzte, die ihre Praxen schließen mussten. 


[Von Januar 1933  bis Dezember 1938 wurden mehr als 282 Gesetze oder Verfügungen  erlassen, die zur Vorbereitung der endgültigen Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben führten. In Emden wurden Erlasse und Verfügungen regelmäßig schneller und brutaler umgesetzt als im übrigen Land. Oberbürgermeister Renken verfügte beispielsweise schon im März:  „In Zukunft erhalten diejenigen Geschäftsleute und Einwohner der Stadt, die noch mit Juden Geschäfte machen oder in deren Häusern Juden aus- und eingehen, keinerlei Aufträge mehr….“. Die Dienststellen wurden angewiesen, alle mit Juden verkehrenden Geschäftsleute und Einwohner dem Hauptamt zu melden, damit diese listenmäßig erfasst und Dienststellen bekannt gegeben werden konnten. Die Verschärfung antijüdischer Repressionen  erschwerte das Alltagsleben kontinuierlich und immer stärker.]


Foto 22 – im Garten  mit Liegestuhl                           


Eine ernsthafte Erkrankung unterbrach die Emigrationspläne  Kretschmers. Konsul Fisser und andere Emder Vertraute rieten ihm ab. So wanderte 1933 nur die Tochter Ruth aus, um in Palästina ihren Vetter zu heiraten, der als Richter in Berlin aus dem Dienst entlassen worden war.
Im Dezember 1934 brach der Autor zu einer vierwöchigen Reise nach Palästina auf, vermutlich, ohne den Ernst der politischen Situation in Deutschland begriffen zu haben.
Der nationalsozialistische Terror nahm zu. Die Boykottmaßnahmen wurden vor und während der Olympiade 1936 unterbrochen und danach verstärkt fortgesetzt. Vor den Geschäften postierten SA-Leute mit Kameras, die jeden fotografierten, der trotzdem ein jüdisches Geschäft betrat.
Eine wesentliche Rolle spielte der Kollege Dr. Tilmann, der sich erdreistete, seine Fotos, versehen mit Namen der Personen, die trotz der SA Wachen das Kaufhaus betreten hatten, mit einem Bericht und hämischen Hinweis auf Dr. Kretschmer an den Regierungspräsidenten zu schicken. Einige Geschäfte, boten den Kunden an, das Geschäft durch den Hinterausgang zu verlassen. Es dauerte nicht lange, bis die SA den Hinterausgang mit Stacheldraht versperrte.

Eine Anzahl der Patienten blieb Dr. Kretschmer treu und bewies „Anhänglichkeit bis zur Beendigung meiner ärztlichen Tätigkeit, besonders Frau Blesene. „Sie war eine einfache Frau, aber ein besonders aufrechter Charakter“.  Sie weigerte sich standhaft, in ihrem Tabakladen nationalsozialistische Plakate aufzuhängen oder Plaketten für Sammlungen zu verkaufen, beteiligte sich jedoch an der Verteilung von Schriften der bekennenden Kirche. Als der Arzt sein Auto aufgeben musste, kam Frau Blesene wöchentlich schwer beladen mit Nahrungsmitteln mit dem Zug nach Emden. 
In den ersten Jahren des Regimes kamen häufiger Patienten mit Sondergenehmigung der Partei in die Praxis. Werftarbeiter und Patienten der ärmeren Bevölkerungsschicht erzählten in Interviews übereinstimmend, dass der Arzt nicht versicherte Patienten häufig ohne Entgelt behandelte und die Medikamente selbst mitbrachte.
Nach seiner Genesung setzte Julian Kretschmer seine Emigrationspläne fort. Ihm fehlte jedoch die finanzielle Absicherung. Er hatte einen großen Teil seines Vermögens in der Firma seines Schwiegervaters Valk angelegt. Trotz der bitteren Erfahrung des Boykotts huldigten die Verwandten einem großen Optimismus, so Kretschmer. Er beriet sich mit Menschen aus Politiker- und Wirtschaftskreisen der christlichen Umwelt (alle immer mit Namen benannt), denen er vertraute. Alle waren sicher, dass „dieser Spuk“ bald vorbei sein würde.

Durch die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935  wurden die Juden endgültig zu Bürgern minderen Rechtes.
 „Die Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ bildeten die Grundlage für weitere Entrechtungen. Die Ehe zwischen Christen und Juden wurde bei Androhung von Gefängnis- oder Zuchthausstrafe verboten. Juden waren keine Reichsbürger mehr. Weitere Maßnahmen und Gesetze (bis zu diesem Tag waren es bereits 637) erschwerten und bedrohten jüdisches Leben in Deutschland.

Im Jahr 1937 erwirtschaftete Julian Kretschmer noch einen kleinen Ertrag mit seiner Praxis.  Danach verfiel sie vollkommen. Trotzdem kamen vor der zwangsweisen Schließung zum 1. Sept. 1938 eine große Anzahl der früheren Patienten um sich zu verabschieden. Auch an dieser Beschreibung ist auffällig, wie der Arzt zwischen all den brutalen Ereignissen bemüht ist, eine andere Seite, die der „guten Deutschen“ aufzuzeigen und Erzählungen von Patienten wieder zu geben. Beispiel: Zwei Schwestern, Lehrerinnen, treue Patientinnen des Arztes hören den verzweifelten Bericht von Moses Seligmann im Wartezimmer. Beide Söhne waren verhaftet worden. Die Schwestern erklärten: „davon wisse, der Führer nichts“.

Zum 1.9.1938 wurde allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Kretschmers hatten die Wohnung und Praxis gekündigt, zogen zu den Schwiegereltern und hofften, bald ein Zertifikat zur Einreise nach Palästina zu bekommen. Sie mussten ihre wertvollen Möbel und Praxisgeräte  verkaufen, - zum größten Teil zum Schleuderpreis. Das Röntgengerät erwarb Dr. van Lessen, der auf Juist praktizierte.

Am 9. November 1938 feierte die Emder SA die Umbenennung der Großen Straße in Horst Wessels-Straße mit einem Fackelumzug und einem Fest in der Neutorschule. 300 SA-Männer zogen danach durch die Straßen, zündeten die Synagoge an und zerrten die Familien aus den Häusern. Besonders brutale Männer erlaubten nicht einmal, dass sich die Menschen anzogen. In kleinen Trupps zog die SA durch die Straßen um mit brachialer Gewalt Schaufenster zu zertrümmern und die Auslagen auf die Straßen zu schleudern.
Gewehrschüsse hallten durch die Straßen. Im Haus der alten Valks wurde die Tür mit Gewehrkolben und Äxten zerschlagen, das Haus durchsucht und Schmuck und Geld gestohlen. Kretschmers und Valks wurden zur Neutorschule gezerrt, wo schon 200 Menschen angsterfüllt warteten. Auf alten Säcken auf dem Fußboden lagen verwundet Louis Pels und Louis Phillpson, der durch  Gewehrschüssen verletzt worden war.
Qualvolle, demütigende Schindereien mussten die Jüdinnen und Juden in dieser Nacht über sich ergehen lassen. Neben gemeinen Exerzierübungen zwang die SA Dr. Kretschmer und andere wie Hunde zu bellen oder wie Katzen zu miauen.
Am nächsten Morgen wurden die Frauen, Kinder und alten Menschen entlassen. Alle Männer wurden zur Zwangsarbeit und Schikane auf den Wall und zum Seglerhafen geführt. Zeitzeugen sahen ihren Arzt erschöpft von der ungewohnten Arbeit auf der Erde sitzen.
Die jüdischen Frauen wussten nicht, wohin ihre Männer gebracht wurden.
„Die Pforte des Himmels“ – der geistige Ort, der Emder Juden Jahrhunderte Quelle der Kraft  und Zuversicht bedeutete, war zerstört, - Daniel de Beer erschossen.
Am Freitag, dem 11. November begann mit dem ersten Stern am Abendhimmel der Schabatt nach einem Pogrom, den niemand für möglich gehalten hatte. Die traumatisierten Gemeindemitglieder konnten erstmalig seit Jahrhunderten keinen Gottesdienst feiern.
An diesem Morgen transportierten die Nazis die jüdischen Männer von 16-65 Jahren über Oldenburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Die Frauen wussten nicht, wohin man die Männer gebracht hatte. In Sachsenhausen starben Sally Löwenstein und Hermann Sachs.
[Die Bekennende Kirche schwieg. Zwei Jahre später schrieb Dietrich Bonhoeffer in einem Entwurf für ein nie abgelegtes Schuldbekenntnis: „Die Kirche war stumm, wo sie hätte schreien müssen… Die Kirche bekennt die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt… Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi“.]

Dr. Kretschmer schreibt:  „Auch über mein Leben im Konzentrationslager will ich keine Einzelheiten erzählen, wie sie schon allgemein bekannt sind, nur einen rührenden Zug reiner Mitmenschlichkeit bei einem nichtjüdischen Mitgefangenen, einem sogenannten „Asocialen“, also vielleicht Landstreicher, mit dem ich in einer Kolonne von etwa 50 Mann , unter denen nur wenige Juden waren, zusammen Erd- und Transportarbeiten für Häuser- und Straßenbau errichtete. Es herrschte strenge Kälte, die wir bei mangelnder Kleidung bitter empfanden, sodass ich schon erheblich unter erfrorenen Händen litt. Der „asociale“ Leidensgenosse entwendete aus einem Teerofen, wie er beim Straßenbau verwendet wird, eine glühende Kohle und brachte sie mir auf einem Holzbrettchen: ich sollte mir daran die Hände wärmen“.
Keine Schikanen, keine Demütigungen, keine Gewalt – nichts schildert uns Dr. Kretschmer, nur diese Begebenheit. Durch das videobiografische Interview mit Walther Philipson und die Prozessakten konnte die Zeit im Konzentrationslager beschrieben werden.
Am 16. Dezember 1938 wurde Dr. Kretschmer mit dem Befehl entlassen sofort auszuwandern. Am 20. Februar 1939 begleitete Frau Blesene das Ehepaar Kretschmer mit der Bahn bis nach Berlin. Sie muss eine außergewöhnliche Frau gewesen sein: alleinstehend, körperlich behindert, - mit Zivilcourage - und schickte selbst nach Palästina noch Päckchen und hielt den Kontakt zu den Verwandten der Familie in Berlin bis zu deren Deportation.
„Deutschland lag hinter uns“.


Foto 23 Eheleute Kretschmer mit 1. Enkelkind in Kfar Warburg


Palästina:
Elsbeth und Julian Kretschmer wohnten in Palästina zunächst bei der Tochter und dem Schwiegersohn. Ihre finanzielle Reserve war bald aufgebraucht. Julian Kretschmer fuhr in den folgenden Monaten mit dem Fahrrad nach Jerusalem und verkaufte Wertgegenstände wie Besteck Tischwäsche, Bücher und seine Kamera. Aus den Umzugskisten baute er Kaninchenställe und züchtete Kaninchen. Nachbarn sahen „den alten Doktor“ mit einem Sack auf dem Rücken Kaninchenfutter sammeln. Später versuchte er Kosmetika zu verkaufen. In den freien Stunden erweiterte er seine Hebräisch-Kenntnisse, bewarb sich jahrelang vergeblich um Arztstellen und plante,  in der Diamantenindustrie oder in der Kosmetikbranche zu arbeiten.

Kfar Warburg - Palästina
1944 konnten die Tochter und Schwiegersohn auf einem zugewiesenen Stück Land (Meschek) in Kfar Warburg ein kleines Haus bauen und mit der Landwirtschaft beginnen. Die Eltern zogen mit ein, beschlossen aber bald, sich ein eigenes Häuschen mit einem Raum zu bauen, damit jeder seinen eigenen Haushalt führen konnte. Julian Kretschmer ergriff in Kfar Warburg erneut jede Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Er verkaufte als Hausierer Plastikgeschirr und baute mit Büchern, die er mit dem Fahrrad aus Tel Aviv holte, eine kleine Leihbücherei auf, - bis er endlich im Dorf eine Stelle als Arzt bekam, wenn auch mit einer eingeschränkten Stundenzahl.


Foto 24 – Krankenstation in Kfar Warburg
          


Was Dr. Kretschmer in Emden auszeichnete, seine intellektuelle distanzierte Erscheinung, seine Höflichkeit und korrekte Kleidung, wirkte auf die aus Polen und Russland eingewanderten Dorfbewohner, deren  Sprache er nicht beherrschte, eher abstoßend. Später gelang es dem Arzt, das Vertrauen der Dorfbewohner zu gewinnen, - er wurde zu „ihrem Doktor“, wie es in der Urkunde in der Gesundheitsstation heißt. Für Dr. Kretschmer war es selbstverständlich auch arabische Patienten zu behandeln.

1948 brach die Erkrankung bei Julian Kretschmer (vermutlich Blasenkrebs) erneut aus. Seine Frau war nicht in der Lage, ihn zu pflegen. Als im Mai der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, mussten die Frauen das Dorf verlassen, weil es im umkämpften Gebiet lag. Nach der Rückkehr fanden die Frauen Dr. Kretschmer tot auf. Die Gründung des Staates Israel überlebte er nur einen Monat.
 
Elsbeth Kretschmer konnte in Palästina keine Wurzeln fassen. Ihre Sozialisation in der großbürgerlichen Familie hatte sie so stark geprägt, dass das Dorfleben ihr als primitiv erschien. Sie war depressiv geworden und zwei Mal monatelang im Sanatorium gewesen. Anfang der fünfziger Jahre kehrte sie nach Deutschland zurück, lebte zehn Jahre in Frankfurt und kehrte dann nach Israel zurück, wo sie bald verstarb.

Die Lebensgeschichte Dr. Kretschmer zeigt den Aufstieg eines deutschen Juden, dessen Ziel Bildung, ökonomische Unabhängigkeit  und völlige Integration in die deutsche Gesellschaft waren. Eine unsichtbare Mauer trennte ihn von seiner Umwelt - er blieb der jüdische Arzt. Mit seinen beruflichen Höhepunkt begann schon der Abstieg.  Julian Kretschmer starb am 16. Juni 1948. Wir fanden seinen Grabstein auf dem Friedhof von Kfar Warburg.

Als das Dorf 1949 sein zehnjähriges Bestehen feierte, beschlossen die Bewohner ihren Arzt zu ehren. In der Festzeitschrift erschien ein Artikel mit Foto, der  gerahmt in der Krankenstation ausgehängt wurde (Übersetzung von Jürgen Valk):

Dr. J. Kretschmer
Der „alte“ Doktor zeigte viel Energie und war ein Mensch des Schaffens, genau wie wir. Wer von uns könnte den großen und schlanken Herrn vergessen, der bei Tag und Nacht mit seinem Stock durch dick und dünn die Wege unseres Dorfes durchschritt als es noch keine Straße gab. Um den Hals gehängt war seine Tasche mit seiner gut sortierten „Apotheke“, alles nur um den Kranken einen Weg zu ersparen… Nur wenigen von uns war bekannt, dass Dr. Kretschmer ein sehr bekannter und wohlhabender Arzt in seinem Herkunftsland war und eine weitgehende und moderne Ausbildung hatte. Er gehörte zu den langjährigen Mitgliedern der zionistischen Bewegung Deutschlands.
Es war zu bewundern mit welcher Energie Dr. Kretschmer sich mit der hebräischen Sprache vertraut machte. Bis spät in die Nacht hinein sah man bei ihm in der Wohnung Licht. So beendete er seine Tagesarbeit: Zur Erweiterung seiner Sprachkenntnisse erlernte er die hebräische Grammatik und studierte das hebräische Wörterbuch.
Soweit es Dr. Kretschmer möglich war, beteiligte er sich an dem kulturellen Leben des Dorfes. Er hielt auch Vorträge (z.B. über erste Hilfe) und in vielen Veröffentlichungen unseres Dorfes erschienen seine Artikel.
Dr. Kretschmer verstand die Verbundenheit des Dorfes zum Boden und würdigte unsere Arbeit, ohne sich selbst irgendwie ins Rampenlicht zu stellen. Seine Hauptsorge war die Gesundheit der Bevölkerung.

Auf seinem Grabstein steht die Inschrift: „Arzt und Freund unseres Dorfes“. Dezember 1948, W. Chaimson


Foto 25 – Dr. Kretschmer in seiner Praxis in Emden