2012 Die Elenden von Lodz Sandberg


Gesa Conring: 
Erinnerungskultur in der Literatur: Steve Sem-Sandberg, Die Elenden von Lodz
Facharbeit im Seminarfach "Erinnerungskultur" am Ulrichsgymnasium Norden, März 2012


1. Einleitung

1.1. Thema

Im Zuge des Seminarfachs „Erinnerungskultur in deutschsprachiger Literatur“ in der Jahrgangsstufe 11 am Ulrichsgymnasium Norden habe ich das Werk „Die Elenden von Lodz“ von Steve Sem-Sandberg gewählt, um die Konstruktion von Erinnerungen anhand von Aleida Assmanns Theorie  auf ausgewählte Textstellen anzuwenden und dann eine These bezüglich der Aktualität der Erinnerung im außertextlichen Kontext zu erörtern.

1.2. Theorie nach Aleida Assmann

Aleida Assmann geht in ihrem Buch „Die langen Schatten der Vergangenheit“ auf die Frage nach dem Erinnern ein und betrachtet das Gedächtnis von einem theoretischen Standpunkt aus. Zuerst geht die Autorin auf das individuelle Gedächtnis ein, die Ich-Bildung, die Charakterformung mithilfe der eigenen, subjektiven Erinnerungen und Erfahrungen. Jedoch sind diese lückenhaft und vage, da sie nur durch Kommunikation, also durch den Austausch subjektiver Erinnerungen zwischen verschiedenen Generationen, stabilisiert werden können . Somit wird das individuelle Gedächtnis auch durch das Generationengedächtnis beeinflusst, das wiederum das soziale Gedächtnis darstellt. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch bis zu einem gewissen Alter Informationen, Eindrücke und Erfahrungen besonders intensiv wahrnimmt, was wiederum dazu führt, dass sich die Ansichten und Vorstellungen verschiedener Generationen immer leicht verändern, weil das eigene Umfeld besonders detailliert aufgenommen wird und es dadurch zu einer Übereinstimmung von Meinungen und Vorstellungen innerhalb einer Generation kommt. So verschiebt sich aufgrund eines Generationswechsels auch das Erinnerungsprofil einer Gesellschaft ungefähr alle dreißig Jahre merklich und das Gesellschaftsgedächtnis ändert seine Werte, Konventionen und Vorstellungen. Traumata oder Schocks werden aus diesem Grund erst nach 15-30 Jahren aufgebrochen, bzw. verwunden, nämlich dann, wenn es zu einer Generationenverschiebung kommt. Bei dem sozialen Gedächtnis lässt sich, so wie beim individuellen Gedächtnis, sagen, dass Kommunikation die Basis bildet: Ohne Kommunikation werden keine Erinnerungen mehr weitergegeben und es gibt auch keine gemeinsame Erinnerungen mehr.  Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses ist laut Assmann stark umstritten, sodass sie die Aussagen von Reinhart Koselleck, Rudolf Burger und Susan Sontag voranstellt, die allesamt die Meinung vertreten, dass es kein kollektives Gedächtnis gäbe. Letztgenannte tauscht diesen Begriff auch mit dem der Ideologie aus. Das kollektive Gedächtnis, oder in diesem Fall die Ideologie, ist ein Speicher, basierend auf Bildern und Symbolen, aber auch auf Kulturen, die die Gesellschaft beeinflussen und in manchen Fällen auch falsche, bzw. gefährliche Werte- und Denksysteme durch die Generationen hindurch vermitteln können. Es kommt also teilweise zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.  Der Schritt vom individuellen hin zum kollektiven Gedächtnis stellt sich als viel schwieriger heraus als der vom individuellen hin zum sozialen.  Assmann teilt diesen Schritt in drei Bereiche auf: das neuronale Gedächtnis, das soziale Gedächtnis und das kulturelle Gedächtnis. Ersteres entsteht aus sozialen und kulturellen Interaktionen, während die anderen beiden durch zwischenmenschliche Kontakte und Kommunikation, bzw. durch Archive, Museen, Denkmäler, Feste, Riten, Bilder und Schriften, zustande kommen.  Das kulturelle Gedächtnis ist dazu noch – im Gegensatz zu den anderen zwei Formen – von sehr langer Dauer: Es löst sich auch nach vielen Generationen nicht auf. Jenes kulturelle Gedächtnis fasst alle wichtigen Informationen über die Vergangenheit zusammen, bewahrt sie so, wie eine Gesellschaft sich den Erhalt ihrer Kultur eingerichtet hat (schriftlich bzw. mündlich) und basiert dabei auf Materie (Bildern, Schriften, usw.). Dieses Gedächtnis besteht aus dem Speicher- und dem Funktionsgedächtnis.  Während Letzteres durch symbolische Praktiken, also durch Wiederholung, Riten und Traditionen gesichert wird und dabei eine starke Auslese vornimmt, also nur die wichtigsten Dinge einbezieht, ist das Speichergedächtnis eine Form der materiellen Repräsentation, das heißt, es sichert Informationen auf Dauer, jedoch oft unterbewusst: Es lebt von der Materie, also von Museen, Archiven, Bibliotheken, Büchern, Filmen und Bildern.  Das politische Gedächtnis stellte Assmann mithilfe der Ansichten von Nietzsche vor: Es gibt seiner Meinung nach eine Art Filter, der Relevantes von Irrelevantem trennt, da das Fehlen dieses Filters dazu führen würde, dass es keine Individualitätsbildung geben würde, für Wir-Gruppen und Individuen. 

1.3. These

Wie schon zu Beginn erwähnt, werde ich in dieser Facharbeit die Konstruktion von Erinnerungen und deren Aktualität im außertextlichen Kontext im Buch „Die Elenden von Lodz“ von Steve Sem-Sandberg untersuchen, wobei zu beachten ist, dass das jüdische Getto in Lodz vollkommen autonom war und innere Angelegenheiten selbst, und damit ohne die Deutschen, zu regeln hatte.

2. Inhaltsangabe

Die Handlung des Buches „Die Elenden von Lodz“ spielt sich ausschließlich innerhalb des jüdischen Gettos in Lodz/Litzmannstadt ab, das zur NS-Zeit in der Altstadt der polnischen Industriestadt errichtet und vom Rest der Welt völlig isoliert wurde .
So erhält der Leser zuerst einen Einblick in das Leben und das Tun von Mordechai Chaim Rumkowski, dem Judenältesten und damit auch Leiter des Gettos. Daraufhin wird die gesamte Geschichte des Gettos, immer aus der Sicht von verschiedenen (teils fiktiven, teils realen) Personen dargestellt, unterstützt von Mitschriften, Tagebucheintragungen, Bekanntmachungen und Auszügen aus der Gettochronik.
Das Schicksal vieler deutscher Juden, die 1941/42 nach Lodz deportiert wurden, wird unter anderem von Vĕra Schulzová verkörpert, deren Leben im Getto aufgezeigt wird. Auch das Schicksal der polnischen Juden wird thematisiert, zum Beispiel durch den Jugendlichen Adam Rzepin, die Kinderschwester Rosa Smoleńzka und Regina Rumkowska, der Frau des Judenältesten. Obschon die persönlichen Schicksale im Vordergrund stehen, werden die  Konflikte zwischen den angeblich kulturell höherwertigen deutschen Juden und den provinziellen Juden aus dem polnischen Stedl unterschwellig deutlich. 
Es beginnt schließlich di grojse schpere, eine zwischen dem 5. und 12. September 1942 von den Nazis durchgeführte „Aussiedlung“ von Alten, Kranken und kleinen Kindern aus dem Getto in das Vernichtungslager Chelmno/ Kulmhof, wo sie ermordet wurden, und dieses Ereignis ist nur der Beginn der „Aussiedlungen“, Hungersnöte und gewaltsamen Übergriffe innerhalb des Gettos.
So sind Ende 1944 nur noch wenige Juden in Lodz und der Leser verfolgt lediglich Adam Rzepins Schicksal, der versucht, hungernd und vollkommen allein, im fast gänzlich leeren Getto, das nun nur noch von deutschen, plündernden Soldaten bewohnt wird,  zu überleben. Zuletzt stirbt der Junge, tragischerweise erschossen von einem Soldaten der Roten Armee, die in die Stadt einzieht.

3. Die Konstruktion der Erinnerung von Aron Wajnberger

„[Er erinnerte sich nur], dass plötzlich ein halbes Dutzend Uniformierter mit Geschrei in den Saal gestürmt war. […] Dann waren alle, die noch in den Sälen verblieben waren, egal, ob sie gehen und auf eigenen Beinen stehen konnten oder nicht, durch den Eingang hinausgetrieben und auf die hohen Anhänger geschleudert worden. An mehr erinnerte er sich nicht. Nur dass Chaim schließlich aufgetaucht war. Es war ein Moment der Erleichterung gewesen, als Aron Wajnberger endlich seinen Schwiegersohn erblickte. Chaim, Chaim…!, hatte er ihm von der Ladefläche aus zugerufen. […] Aron Wajnberger hatte […] noch immer nur seinen Schwiegersohn vor Augen: Es war, als wären wir für Chaim völlig Fremde. Als sähe er uns nicht mehr. […] Wie ist es nur möglich, dass er mit einem Mal aufgehört hat, uns zu sehen…?“ 

3.1. These

Die jüdische, ältere Bevölkerung im Getto Lodz wurde deportiert, ohne dass Mordechai Rumkowski einen Versuch unternahm, dies zu verhindern.

3.2. Die Konstruktion der Erinnerung

In der vorliegenden Textstelle bedient sich der Autor einer Rückblende auf das vorherige Geschehen, wobei zu beachten ist, dass dieses schon zuvor von einer anderen Person geschildert wurde und es sich hierbei nur um eine Erinnerung und kein augenblickliches Erlebnis handelt. Dieser Rückgriff vollzieht sich aus der Sicht von Aron Wajnberger, sodass es einen personalen Erzähler gibt. Außerdem liegt eine Raffung der erzählten Zeit vor, die für die Geschwindigkeit des Geschehenen spricht, und eine szenische Darstellungsform, welche die Lebendigkeit dieser Erinnerung hervorhebt.   
In der Szene wird somit die individuelle Erinnerung von Aron Wajnberger konstruiert. 

3.3. Die Aktualität der Erinnerung Wajnbergers im außertextlichen Kontext

Im Folgenden werde ich untersuchen, ob die ältere, jüdische Bevölkerung im Getto Lodz deportiert wurde, ohne dass sich Mordechai Rumkowski für diese Gruppe einsetzte.
„Manchmal schnürt und krampft sich mir so das Herz zusammen, dass mir ist, als  versänke ich gleich im Wahnsinn oder Delirium. [...] Die Stunde [von Mutters] Aussiedlung rückt  näher, und von nirgendwo kommt Rettung. Zwar hat es am Abend etwas gedonnert und geblitzt, und es regnete sogar, doch das brachte uns keine Linderung in unserer Pein. Selbst der allergrößte Regen besänftigt nicht das völlig gebrochene Herz, nichts kann die unendliche Leere in der Seele, in Hirn, Herz und Sinn ausfüllen, die entsteht, wenn man den liebsten Menschen verloren hat.“ , lautet der letzte Tagebucheintrag eines 17-jährigen Juden aus dem Getto Lodz, dessen Mutter Anfang September 1942 im Krankenhaus lag und nun deportiert werden sollte, wie alle Kranken während der „Sperre“.  
Am 4. September 1942 bestätigte sich das schon kursierende Gerücht, dass die Deutschen alle Alten über 65 und alle Kinder unter 10 Jahren sowie alle anderen Arbeitsunfähigen deportieren lassen würden, woraufhin der Judenälteste Mordechai Chaim Rumkowski sich mit einer Rede an die Bevölkerung wandte. 
„Das Getto ist von einem schweren Schmerz getroffen. Man verlangt von ihm das Beste, was es besitzt – Kinder und alte Menschen“ , sagte jener, woraufhin er die jüdische Bevölkerung bittet: „Brüder und Schwestern, gebt sie mir! Väter und Mütter, gebt mir eure Kinder!“  Er begründet die Auslieferung der jüdischen Bevölkerung an die Deutschen mit der Metapher „Ich muss diese schwere und blutige Operation durchführen, ich muss Glieder amputieren, um den Körper zu retten!“ , jedoch wird er im Verlauf der Rede drastischer: „Legt eure Opfer in meine Hände, damit ich weitere Opfer verhindern kann, damit ich eine Gruppe von 100.000 Juden retten kann.“ 
An dieser Textstelle wird klar, dass Rumkowski  nicht arbeitsfähige Kinder und Alte der „Aussiedlung“ durch die Nazis aussetzt, um den Großteil der arbeitsfähigen jüdischen Bevölkerung des Gettos Lodz zu schützen. 
Es ist nicht überliefert, von welchem Zeitpunkt an der Judenälteste die Wahrheit über die Abtransporte (in das Vernichtungslager Chelmno und nicht, wie angenommen, in ein Arbeitslager) wusste.  Dies knüpft an eine Aussage aus „Die Elenden von Lodz“ an, in der die Unwissenheit der Juden über ihr Schicksal außerhalb des Gettos, deutlich wird: „Diejenigen aber [die ausgesiedelt werden sollten], [...] stellten sich selbst ganz natürlich die Frage, warum man sich wohl mit ihnen, die doch untersucht und als arbeitsuntauglich gestempelt waren, noch die Mühe machen sollte, sie an einen anderen Ort zu deportieren, um ihnen Arbeit zu geben? Dann trafen die Transporte [...] ein, und wenig später kamen Lastwagenkonvois im Getto an, die Ladenflächen vollgepackt mit ausgedienter Kleidung und Schuhen und die Lüge lag offen zutage.“ 


4. Die Konstruktion der Erinnerung von Vĕra Schulzová

„In [manchen] Momenten kam es tief unten im Kellerraum zu einer Art seltsamem Sog: ähnlich dem starken Strudel, der beim Auslaufen des Wassers im Spülbecken entsteht. [...] Das war der normale Hungerschwindel – Sie [Vĕra] kannte diese Mattigkeit, dieses Gefühl, dass sich alles Feste, das sie umgab, auflöste. [...] Doch so viel sie auch aß, es half nicht gegen den Hungersog, die Wirbelströme plötzlichen Schwindels, die Mattigkeit.“ 


4.1. These

Der Hunger dominierte das Leben der Gettobewohner, da die Lebensmittelversorgung sehr schlecht war.


4.2. Die Konstruktion der Erinnerung

In dem vorliegenden Textauszug erhält der Leser einen Einblick in die Gefühle der personalen Erzählerin Vĕra Schulzová, wobei es sich um eine Raffung der erzählten Zeit und eine szenische Darstellung in Form eines Monologes handelt, der dem Leser erlaubt, mit der Figur mitzufühlen.  Außerdem ist zu beachten, dass es sich bei dem Raum der Handlung um einen Keller handelt, abgeschottet von der Außenwelt, was für die Isolation und Hilflosigkeit der Person spricht. 
In dieser Szene wird somit die individuelle Erinnerung von Vĕra konstruiert. 


4.3. Die Aktualität der Erinnerung Schulzovás im außertextlichen Kontext

Im Folgenden werde ich untersuchen, inwieweit die These zutrifft, dass der Hunger das Leben der Gettobewohner dominierte, da die Nahrungsmittelversorgung sehr schlecht war.
„Die Lage spitzt sich zu einer Hungerkatastrophe zu. Der knappe Vorrat zwingt sogar die Küchen zu einer Herabsetzung der Kartoffelmenge bei den Suppen auf 15 dkg. Die Menschen irren ratlos durch die Stadt, um irgendetwas Essbares aufzutreiben. Am 17., 18. und 19. des Monats] sind alles in allem 238.340 kg Kartoffel hereingekommen. Dieses Quantum konsumieren natürlich zunächst die Küchen, sodass für eine Kartoffelausgabe nichts bleibt. Und wenn eben keine Kartoffeln vorhanden sind, dann gibt es nackten Hunger. [...] Wenn nicht raschest eine Änderung eintritt, sind die Folgen unabsehbar.“ , lautet der Eintrag in der Getto-Chronik vom 19. September 1943. 
Während die Verpflegung der Gettobewohner im Winter 1942/43 (nach di grojse schpere) verhältnismäßig gut war, so wurde sie im Laufe des Jahres 1943 immer schlechter.  Die Qualität der Suppen, die die Arbeiter einmal am Tag in Ressortküchen erhielten, nahm immer mehr ab  und die Nahrungsmittelpreise auf dem Schwarzmarkt stiegen somit weiter an. „Brot von 250 Mark vorgestern auf 265 Mark, Mehl von 175 Mark auf 185 Mark, Kartoffeln von 38 auf 42-45 Mark, [...] Ressortsuppe 10-11,50 Mark.“ , gibt darüber die Getto-Chronik vom 23. September 1943 Aufschluss. 
Die Lage spitzte sich weiter zu, da die Bevölkerung des Gettos nun, aufgrund des Nahrungsmittelmangels, begann, sich von Küchenabfällen zu ernähren, sodass eine Verordnung erlassen werden musste, dass Kartoffelschalen nur noch bei der Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung herausgegeben werden durften . Da die Bevölkerung in äußerst geringem Maße Landwirtschaft betrieb, wurden auch alte, bereits verfaulte, Kartoffeln ausgegraben und verspeist .
Dr. Andrea Löw geht in ihrem Werk ebenfalls darauf ein, wie sehr „das Thema „Hunger“ alle anderen Themen [überlagerte]“ , da es einen Schwerpunkt in Tagebuch-einträgen, Sprichwörtern, Liedern und Humor der Gesellschaft bildete. 

5. Fazit

Es lässt sich zusammengefassend zur ersten These sagen, dass Mordechai Rumkowski über die Vernichtung der ausgesiedelten Juden aus dem Getto nur unzulänglich informiert war und dass er versuchte, die arbeitsfähige Bevölkerung des Gettos zu schützen, da er hoffte, sie und sich selbst mit den im Getto gefertigten Produkten unentbehrlich für das deutsche Reich und dessen Kriegsführung zu machen. 
Zur zweiten These lässt sich konstatieren, dass der Hunger tatsächlich eine wichtige Rolle im Leben der Gettobewohner darstellte, ebenso wie die damit verbundene schlechte Nahrungsmittelversorgung.
Somit stimmen beide Thesen mit dem außertextlichen Kontext überein, was größtenteils darauf zurückzuführen ist, dass Steve Sem-Sandberg „wie ein Historiker arbeitet [...] [und] einen Roman auf der Grenze zur Geschichtsschreibung verfasst [hat].“ 
Meiner persönlichen Meinung nach ist Steve Sem-Sandbergs Werk über das Leben im Getto Lodz und das Schicksal der Bewohner äußerst ergreifend und lässt einen in die fesselnde Handlung eintauchen. Mit bestimmten stilistischen Eigenarten erschafft der Schwede eine fiktive Welt, die der Leser teils mit Schrecken, teils mit Mitleid und Verzweiflung, aber auch mit Hoffnung durchwandert, begleitet von Menschen, deren Leben größtenteils im Vernichtungslager Chelmno endeten, auch wenn dies nie beschrieben wird. Sobald die Figuren das Getto verlassen haben, wird nie wieder über sie berichtet, als hätte es sie nie gegeben und als hätte der Tod ihr Vergessenwerden bewirkt.
Gerhard Spörl fasst in seiner Rezension des Buches „Die Elenden von Lodz“, abgedruckt in „Der Spiegel“, den schmalen Grad von Geschichtsschreibung und Fiktion, auf dem Sem-Sandberg sich mit seinem Buch bewegt, treffend zusammen: „So wird Geschichtsschreibung zwangsläufig zur Interpretation, die sie immer auch war, und rückt schon aus diesem Grund der Literatur näher. Und so verändern sich das Erinnern und damit auch das Erzählen.“

 

6. Literaturverzeichnis

Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit –   Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. C.H. Beck. München, 2006,

Knopp, Guido: Holocaust. C. Bertelsmann. München, 2000.

Löw, Andrea: Juden im Getto Litzmannstadt – Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Wallstein. Göttingen, 2006.

Schurf, Bernd, Wagener, Andrea: Texte, Themen und Strukturen, Deutschbuch für die Oberstufe, Ausgabe N. Cornelsen-Verlag. Berlin, 2009.

Sem-Sandberg, Steve: Die Elenden von Lodz. Klett Cotta. Stuttgart, 2011.

Singer, Oskar, Rosenfeld, Oskar, Chana de Buton, Alice, Heilig, Bernhard, Wartheimer, Paul: Tagesbericht vom Sonntag, den 19. September 1943. http://www.getto-chronik.de/de/tageschronik/tagesbericht-sonntag-19-september-1943. Abfragedatum: 26.02.2012.

Singer, Oskar, Rosenfeld, Oskar, Chana de Buton, Alice, Heilig, Bernhard, Wartheimer, Paul: Tagesbericht vom Sonntag, den 23. September 1943. http://www.getto-chronik.de/de/tageschronik/tagesbericht-sonntag-19-september-1943. Abfragedatum: 27.02.2012.

Spörl, Gerhard: Was tun Sie mit Ihrem Volk? In: „Der Spiegel“ Ausgabe Nr. 4 vom 23.1.2012, S. 110 ff.