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February 18. 2017 11:05:48
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2011 Rolf Uphoff

 

Dr.Rolf Uphoff: „Die Juden kehren niemals zurück“
Deportation der jüdischen Bürger aus Aurich, Emden und Leer im Oktober 1941
Vortrag am 9.11.2011 im Forum der VHS Emden

 
Am 11. Februar 1942 veröffentlichte die „Ostfriesische Tageszeitung“  einen vom Goebbelsschen Propagandaministerium autorisierten Artikel unter dem Titel „Die Juden kehren niemals zurück“. Dieser Artikel war die Antwort auf eine Veröffentlichung im englischen „Manchester Guardian“, die eine Rückkehr und Entschädigung aus Deutschland geflohener und enteigneter jüdischer Unternehmer im Fall des alliierten Sieges ankündigte. Der Text des Goebbels-Artikels kann so gelesen werden, dass das „jüdische System“ nicht wiederkehrt. Über das Schicksal der Menschen sagt er nichts aus. Die Brisanz erhielt der Artikel durch die Ergänzungen des Redakteurs der „Ostfriesischen Tageszeitung“. Er veröffentlichte Fotomaterial, das Szenen der Deportation der jüdischen Bürger aus Emden und Ostfriesland enthielt. Unter den beiden Bildern, die den Zug der Deportierten zum Emder Bahnhof West zeigt, schrieb der Redakteur:
 
„…und so musste auch der Tag der Abreise der Hebräer kommen, von der es keine Heimkehr gibt. Nach dem Siege des Reiches in diesem Kriege, den auch Alljuda heraufbeschworen hat, wird der Erdteil Europa endgültig von einer Plage befreit sein…“
 
Da bedarf es keiner allzu großen Phantasie, um sich das Schicksal der Deportierten vorzustellen. Die genauen Beweggründe, warum die „Ostfriesische Tageszeitung“ das kaum fünf Monate zurückliegende Ereignis neu erwähnte, lassen sich nicht ermitteln. Wahrscheinlich wollte der Redakteur unter Rückendeckung der örtlichen NS-Parteileitung die Pionierrolle Ostfrieslands bei der Vertreibung der Juden hervorheben. Dieser Artikel passt allerdings nicht zur offiziellen Politik der Verantwortlichen, die bestrebt war, die Spuren der Aktionen gegen die jüdische Minderheit zu vertuschen. 
 
Was geschah am 22 und am 23. Oktober 1941, vor 70 Jahren?
 
Um die Hintergründe der Deportation zu verstehen, muss man bis zu den Ereignissen der Reichspogromnacht am 09./10. November 1938 zurückgehen. Begleitet von Brandstiftungen der Synagogen, Zertrümmerung jüdischer Geschäfte und Misshandlungen der jüdischen Bürger sowie Einweisung der meisten männlichen Juden in KZ-Lager erfolgte die Zerschlagung der Israelitischen Gemeinden. Die NS-Machthaber forcierten die Einziehung jüdischen Vermögens und die „Arisierung“ der jüdischen Unternehmen. Zugleich sollte die Auswanderung der inkriminierten Minderheit erreicht werden. Die Zurückbleibenden standen unter Sonderrecht. Sie verloren ihre Wohnungen und mussten seit Anfang 1939 in Gebäude der ehemaligen Israelitischen Gemeinde ziehen.  In Emden waren dies das Rabbinatsgebäude an der Webergildestraße, ein Gebäude des ehemaligen Kaufhauses Valk an der Straße Zwischen beiden Sielen, ein Gebäude an der Boltentorstraße und das jüdische Altenheim in der Claas-Tholen-Straße . 
 
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die jüdische Minderheit als Reichsfeinde eingestuft. Im Frühjahr 1940 forderten die Landräte in Aurich und Norden sowie der Oberbürgermeister in Emden die Abschiebung der Juden aus Ostfriesland. Oberbürgermeister Carl Renken sprach sich für eine Abschiebung in das besetzte Polen (Generalgouvernement) aus.  Mit ihren Eingaben an den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, hatten die Verwaltungschefs keinen Erfolg. Im Frühsommer 1940 kam es zur Ausweisung der in den „Judenhäusern“ lebenden Familien nach Frankfurt / Main, Berlin und anderen Städten mit großen jüdischen Gemeinden. 
 
Die Neuankömmlinge betraten eine ihnen völlig fremde Welt. Das Ghetto Lodz hatte seit seinem Aufbau eine jüdische Verwaltung erhalten. An deren Spitze stand „der Älteste der Juden im Getto Litzmannstadt“ Chaim Rumkowski . Er befehligte eine jüdische Getto-Polizei. Im Ghetto existierte auch ein eigenes Ghettogericht. Die Verteilung der wenigen Lebensmittel, die medizinische Versorgung und das Sozialwesen musste durch das Ghetto organisiert werden. Es gab auch eine separate Ghetto-Feuerwehr. Die Deutschen hatten eine „Gettoverwaltung“ unter der Leitung des aus Bremen stammenden Hans Biebow errichtet.  Sie lieferte (meist qualitativ minderwertige) Lebensmittel in das Ghetto. Zur Finanzierung dieser Lieferungen übernahm das Ghetto Arbeitsaufträge von Wehrmacht und zivilen Behörden und Unternehmer. Der „Älteste“ Chaim Rumkowski baute Fabriken, sogenannte „Ressorts“, auf, die alle möglichen Arbeiten verrichteten. Die deutsche Gettoverwaltung erwirtschaftete aus der Produktion einen erheblichen Gewinn. 
In Emden blieben die Bewohner des jüdischen Altenheims zurück. Das waren ca. 120 Menschen, von denen bis zum Herbst 1941 fünf verstarben. 
 
Im September 1941 ordnete Hitler die Deportation aller Juden aus dem Reichsgebiet an. Als Ziel der Deportation wurde das Ghetto in Lodz benannt. Die polnische Stadt war nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht als Teil des Warthegaus annektiert worden. Benannt nach einem preußischen General trug sie seit dem 01. April 1940 den Namen „Litzmannstadt“. Die dort lebende große jüdische Minderheit lebte seit dem 15. April 1940 in einem Ghetto, das neben dem von Warschau das größte Ghetto im besetzten Polen war.  Ab Oktober 1941 erfolgte der Zustrom der deportierten Juden aus dem damaligen Reichsgebiet, Luxemburg sowie aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Im November 1941 umfasste das Ghetto ca. 200.000 Menschen, die in drangvoller Enge und unter menschenunwürdigen Bedingungen lebten. 
 
Am 18. Oktober 1941 wurden die letzten jüdischen Bürger aus Norden und Aurich zum jüdischen Altenheim nach Emden gebracht.  Vier Tage später begannen die Deportationen. 
 
Zunächst wurden am 22. Oktober 1941 die als reiseunfähig eingestuften Heimbewohner nach Varel gebracht. Ihre Station war hier das Israelitische Altenheim in der Schüttingstraße. Die ursprünglichen Bewohner waren bereits mit einem Transport nach dem Ghetto Lodz unterwegs. Im Frühsommer 1942 mussten sich die nach Varel Gebrachten auf den Weg nach Theresienstadt machen. Es war ihnen suggeriert worden, dass sie dort in ein reguläres Altenheim kämen. Für die angeblichen Pflegeplätze bezahlten sie ihr restliches, noch nicht eingezogenes Vermögen.
 
Am 23. Oktober 1941 erhielten die übrigen Bewohner des Heimes in der Claas-Tholen-Straße das Signal zum Aufbruch. Am frühen Morgen mussten sie sich mit ihrem Gepäck zu Fuß auf den Weg zum Emder Bahnhof West machen. Hier bestiegen sie einen Wagen der dritten Klasse. Die Fahrt führte zunächst nach Berlin. Hier wurde der Wagen an einen Berliner Transport angehängt. Am 25. Oktober erreichte der Zug Lodz, wo bereits der erste Schnee gefallen war. Erschöpft und verängstigt stiegen die Deportierten unter wüsten Beschimpfungen und teilweise gewaltsamen Antreiben durch die Begleitpolizisten im Bahnhof Radegast aus dem Zug. Nur begrenzt konnten sie Gepäckstücke auf Handwagen verstauen. Meist nahmen sie das Gepäck in der Hand mit und formierten sich zu einer Marschkolonne, die unter grauem Himmel auf einer verschlammten Straße 3 km zum Ghetto zurücklegte.  Bei der Ankunft erfolgte eine Registrierung durch die jüdische Verwaltung des Ghettos und eine Einweisung in eine zentrale Unterkunft. Die Emder wurden wenige Tage später in das „Altersheim des Ältesten des Gettos Litzmannstadt“ in der Gnesener Straße untergebracht.
 
Das Ghetto erhielt bis 1942 den Charakter eines Arbeitslagers. Rumkowski förderte nach dem Motto „Unser Weg ist Arbeit“ diese Entwicklung.  Er hoffte, das Überleben durch die Wichtigkeit der Produktion zu sichern. Dafür war er bereit, Teile der Bewohner zu opfern.
 
Die Welt des Ghettos war durch Extreme gezeichnet. Auf der einen Seite standen die unterernährten Ghettobewohner, denen die Arbeit zur Qual wurde. Seuchen und Hungerkrankheiten waren alltägliche Erscheinungen. Auf der anderen Seite standen die von Rumkowski protegierten Eliten, die Ressortleiter, Veraltungsfunktionäre und deren Familien. Sie lebten in besseren Wohnungen und litten erheblich weniger Hunger. 
 
Die Ankömmlinge aus dem Reich mussten sich schnell den Gegebenheiten anpassen. Dabei war es überlebenswichtig eine Arbeit in einem Ressort zu erhalten. Unkenntnis der polnischen Sprache oder des Jiddischen bildeten ein tödliches Hindernis. Viele Deportierte versuchten, ihre letzte Habe gegen Lebensmittel umzutauschen und wurden gnadenlos übervorteilt. 
 
Die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto forderten schnell ihre Opfer. 
 
Von 123 aus Emden Deportierten verstarben bis Februar 1942 26 Personen.  
 
Die Verantwortlichen in der SS planten keine dauerhafte Vergrößerung des Ghettos. Mit dem Aufbau des Vernichtungslagers Chelmno (Kulmhof) war das Ziel deutlich, die Ermordung der Juden. Das Vernichtungslager Chelmno, etwa 75 km nordöstlich von Lodz in einem Wald gelegen, ging im November 1941 in den Betrieb.  Ab Januar 1942 begann die Ermordung von Bewohnern des Ghettos Lodz durch die Gaswagen. Pro Tag konnten 300 Menschen getötet werden. 
 
Die jüdische Verwaltung des Ghettos wurde aufgefordert, Listen von Arbeitsunfähigen und von Personen, die aus dem Reichsgebiet eingewiesen worden waren, anzufertigen.  Diese „Ausgesiedelten“ wurden bis zum letzten Augenblick über ihr Schicksal getäuscht. 
 
Die Deportierten aus Ostfriesland fielen der Vernichtung im Mai 1942 zum Opfer.